Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Russlanddeutsche: Aufbau und Ende der deutschen Kolonie in Strelna

Von   /  8. September 2008  /  10 Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Ein Buch beschreibt die zweihundertjährige Geschichte der deutschen Kolonie bis zu ihrer praktischen Auflösung durch Stalinismus und Krieg. Ein historischer Teil wird durch persönliche Schilderungen und Dokumente der wenigen überlebenden Russlanddeutschen Strelnas ergänzt.

Das Leben der deutschen Bauernkolonie in Strela begann verhältnismäßig spät zu beginn des 19. Jahrhunderts. Bereits im 18. Jahrhundert unter Peter dem Grossen, der große Sympathien für die Deutschen hegte, und unter Katharina der Grossen, die selbst eine Deutsche war, wurden Tausende deutscher Bauern und Handwerker nach Russland geholt. Sie brachten ihre Geschicklichkeit und ihr technisches Know-How mit und wurden mit günstigen Lebensbedingungen belohnt.

Im Wolgagebiet, in Zentralrussland und der heutigen Ukraine, wo damals noch grosse und fruchtbare Ländereien brach lagen, gab man ihnen Ackerland. Befreit von wichtigen Abgaben und Militärpflicht sowie in voller kultureller und religiöser Freiheit und mit großzügigen Darlehen versehen, entwickelten sich die meisten deutschen Siedlungen trotz teilweise schwierigen Anfängen gut. Ganz im Gegensatz zur übrigen russischen Bauernbevölkerung, die größtenteils als Leibeigene und belastet durch große Abgabe an ihre Herren ein ärmliches Leben führten.

Direkt dem Zaren unterstellt

Die Strelnaer Bauern bezogen ihren Siedlungsplatz südlich der Hauptstadt Petersburg während einer weiteren Ansiedlungsphase unter Alexander I.. Die Geburt der Kolonie wird mit der Geburt des ersten Kindes am 18. November 1810 festgelegt, obwohl die deutsche Gemeinde von ihrem ersten Siedlungsplatz bei Isvar nach zwei Jahren erst 1812 von den russischen Behörden nach Strelna umplatziert wurde. Neben der Kolonie Strelna wurden in diesen Jahren auch die Kolonien Oranienbaum, Peterhof und Snamenskaja gegründet. Innerhalb eines halben Jahrhunderts verdoppelte sich in Strelna die Zahl der Höfe von 28 auf 56 – es vermehrten sich die Löfflers, Brenners, Fellers aus Baden, die Zeiters, Fleigs, Sackmans aus Sachsen, die Brauns und Buchs aus Preußen, um nur einige der vielen Geschlechter zu nennen.

Unter ihnen waren auch einige Familien aus dem heutigen Polen, die damals zeitweise zu Preußen gehörten. Neben einer weit gehenden Selbstverwaltung besaßen die deutschen Bauern den großen Vorteil, dass sie direkt dem Staat unterstanden und ihr Lehensherr der Großfürst Konstantin war, nach dem der Konstantinowski-Palast bei Strelna benannt wurde. Neben der wachsenden Einwohnerzahl wuchs auch die Infrastruktur des Dorfes, die Bewohner konnten sich unter anderem eine Schule, ein Spital und eine Kirche bauen und unterhalten. Die mehrheitlich lutheranische Bevölkerung stand durch die Kirche in engem Kontakt zu den deutschen Gemeinden in der Stadt Petersburg.

Zwischen Hammer und Amboss

Im Zuge der Landreform, die mit der Aufhebung der Leibeigenschaft vollzogen, gelang es den Strelnaer Bauern 1870, ihr Land dem Staat abzukaufen. Die Kommune entwickelte sich weiter und gründete eine eigene Sparkasse, eine freiwillige Feuerwehr und sogar ein Blasorchester – 1854 wurde sie ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Trotz der Privatisierung führten die Bauern ihr gemeinschaftliches Leben weiter. Deswegen konnte die Gemeinde auch die Jahre von Revolution und Bürgerkrieg relativ gut überstehen und verwandelte sich mit der Zwangskollektivierung 1929 verhältnismäßig nahtlos in die Kolchose „Rote Fahne“.

Doch trotz aller Anpassung geriet auch sie in die Mühlen stalinistischen Terrors. Abgesondert durch Sprache und Kultur und von vielen wegen ihrer Privilegien unter dem Zaren beneidet, wurden sie als „Volksfeinde“ denunziert. Schon bald erschienen auch hier die gefürchteten „Schwarzen Raben“, wie die Überfallwagen des NKWD genannt wurden, und die ersten Strelnaer „verschwanden“. Mit dem Zweiten Weltkrieg gerieten die Russlanddeutschen vollends zwischen Hammer und Amboss und wurde in alle Windrichtungen versprengt. Einen Teil der Gemeinde deportierte die Polizei nach Sibirien und Kasachstan, und wen die Wehrmacht einholte, wurde in Lager ins besetzte Polen verfrachtet.

Ein weiterer Teil der Bewohner kämpfte und starb als loyale Soldaten oder Partisanen für die Sowjetunion. Wer nach Kriegsende in die UdSSR zurückkehrte, landete meist gleich wieder als „Verräter“ im Lager oder in der Verbannung. Erst in den Fünfzigerjahren nach Stalins Tod rehabilitierte der Staat die Russlanddeutschen. Doch selbst von jenen, denen man die Rückkehr erlaubte, kam kaum einer nach Strelna zurück. Die Siedlung, die während der Leningrader Blockade im Frontbereich gelegen hatte, war praktisch dem Erdboden gleich gemacht worden. Einen kleinen Neubeginn der deutschen Kolonie machten in den Neunzigerjahren die Neubauten in Strelna-Neudorf möglich.

Wertvolle Wissensbasis

Der kleine Jubiläumsband über Strelna ist in „Chronistendeutsch“ verfasst und darum relativ trockene Kost. Umgekehrt bieten die fleißig gesammelten Fakten – Namen, Orte, Bräuche, Geschehnisse, Verträge, und Briefe – für Interessierte eine unentbehrliche Wissensbasis. Angesichts der verschütteten Geschichte der Kolonie, von der fast nichts übriggeblieben ist, kann das Buch ein wertvoller erster Faden bei eigenen Forschungen in der Familiengeschichte sein. So trocken der historische Teil auch sein mag, um so lebendiger lesen sich die festgehaltenen Erinnerungen der letzten Strelnaer Deutschen, auch wenn die meisten von ihnen die schweren Jahre der Sowjetzeit zum Inhalt haben.

„Die Deutsche Kolonie in Strelna bei St. Petersburg (Seiten der Geschichte des 19./20. Jahrhunderts) ; zusammengestellt von M. V. Lewizkaja; herausgegeben von der Polytechnischen Universität, 2006, 143 Seiten.

Weitere Artikel zu diesem Thema>>>

Wer sich für das Buch interessiert, der wende sich an:

Deutsch-Russisches Begegnungszentrum
Newskij Prospekt 22-24
191186, St.Petersburg, Russland
[email protected]
http://www.drb.ru/de/
Tel.: 007/812/5704096

 

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

10 Kommentare

  1. eva sagt:

    Lieber Herr Sackmann,

    vielen Dank für Ihr Interesse – es würde uns interessieren, was aus Ihrer Familie geworden ist. Ist jemand aus Ihrer Familie nach Strelna zurück gekommen?

    Falls Sie sich für das Buch interessieren, so fragen Sie bitte hier nach:

    Deutsch-Russisches Begegnungszentrum
    Newskij Prospekt 22-24
    191186, St.Petersburg, Russland
    [email protected]
    http://www.drb.ru/de/
    Tel.: 007/812/5704096

    Mit freundlichen Grüssen

    Eugen von Arb

  2. Guten Tag,

    Danke für so einen informativen Artikel!
    Meine Vorfahren sind die SACKMANN’s von denen der Artikel erwähnt. Aus meiner eigenen Forschung kann ich bestätigen, dass meine Großeltern in Strelna wurden geboren, dort aufgewachsen, und heiratete später in der „Deutschen Kolonie“, wie sie es damals nannten. Mein Vater und seine Geschwister wurden ebenfalls auch in Strelna geboren. Daher würde ich auch mehr darüber erfahren wollen. Falls jemand von euch weiß, wo man das Buch kaufen oder bestellen kann, schreiben Sie mir bitte eine E-Mail

    Ich wäre sehr sehr dankbar.
    Viele Grüße Dieter

    Good day,

    Thank you for such an informative article!
    My ancestors are the SACKMANN’s which are mentioned in the article. From my own research I can confirm that my grandparents were born in Strelna, grew up there, and later married in the „German Colony“ as they called it then. My father and his siblings were also born in Strelna. Therefore, I would also like to know more about the book. If any of you know, where you can buy or order the book, please send me an e-mail

    I would be very grateful.
    Best regards, Dieter

  3. Irina Braun sagt:

    Hallo zusammen, ich interessiere mich ebenfalls für die Geschichte dieses Ortes. Meine Großeltern stammten aus Strelna. Daher würde auch ich mehr darüber erfahren wollen. Falls jemand von euch weiß, wo
    man das Buch kaufen oder bestellen kann oder zumindest einfach nur genauere Daten des Buches, dann biete ich euch dies direkt hier auf der Seite zu veröffentlichen (einfach in Form eines Beitrages) oder auf meine e-Mail zukommen lassen. Ich wäre sehr sehr dankbar. Viele Grüße. Irina

  4. Matti Alanko, Helsinki sagt:

    Ich möchte das buch erwerben, wie ist es möglich?
    Die Mutter meines Grossvaters war Elisabeth Brenner, die sich mit Henrik Josephson Mörö von Kivennapa, Finnland in 1875 in Strelna geheiratet und danach nach Terijoki, Finnland gesiedelt hatte.

    Matti Alanko
    Helsinki, Finnland

  5. mm sagt:

    Liebe Frau van Essen, ich bitte meinen Kollegen, Herr von Arb, der den Artikel geschrieben hat Ihnen die genauen Daten des Buches zukommen zu lassen.
    Vielen Dank für Ihre Nachricht.

    Markus Müller
    Redaktion

  6. M.v.Essen-Aman sagt:

    wo kann man das Buch erwerben?

  7. Bitte, ich möchte Kontakt mit Ihnen haben. Meinen Vater und mein Opa sind auf diesen Bilder.
    Und wo können wir das Buch erwerben. Und es gibt nächstes Jahr ein treffen in Strelna.
    Mit freundlichen Grüße,
    Lydia Verweij-Aman aus der Niederlande.

  8. M.v,Essen/Aman sagt:

    Jetz das richtige e-mailadres.
    Grusse, Maria van Essen-Aman

  9. M.v,Essen/Aman sagt:

    Der Mann mit Pferd ist warscheinlich mein Grossfater! Ich habe verschiedene foto`s von Ihnen und von der ganse Famielie Aman in Strellna! Gern will ich dass Buch erwerben!
    Kònnen Sie mir helfen.

  10. weissleder sagt:

    wo kann man das Buch erwerben?

    LG Jürgen F. Weißleder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Petersburger Kulturforum 2017 von Skandalen begleitet

mehr…