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Auf Wiedersehn in Leningrad – Ilma Rakusa in Petersburg

Von   /  30. Mai 2015  /  Keine Kommentare

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Ilma Rakusa in St. Petersburg

Von Eugen von Arb

Die Lesung der kosmopolitischen Poetin, Übersetzerin und Slawistin Ilma Rakusa war ein freundschaftliches Wiedersehen mit einer Stadt, die einmal Leningrad war. Zusammen mit der Übersetzerin Marina Korenewa und ihrem Buch „Mehr Meer“ gestaltete sie den Abend in der Majakowski-Bibliothek als ein Gespräch mit offenem Anfang und Ende und vielen interessanten Fragen und Antworten.

Die beiden Frauen bildeten ein anregendes Paar: Die gefeierte Dichterin Ilma Rakusa, die stets ein feines Gleichgewicht bewahrt zwischen vornehmer Abwesenheit in der Poetenwelt und dem Hier, der Diskussion und dem freundlichen Blickkontakt mit dem Publikum. Und daneben die viel direktere und handfestere Übersetzer-Kollegin Marina Korenewa, mit der sie einerseits der Beruf verbindet und andererseits die Stadt, eine Freundschaft und viele gemeinsame Erinnerungen – um die es sich in Rakusas Buch geht.

Zunächst wurde eine Schleife gezogen und die Odyssee ihrer Geburt und Kindheit kurz abgefahren Budapest, Ljubliana, Triest, Zürich. Wegfahren, um anzukommen – ankommen, um wegzufahren – so beschreibt sie ihr Schicksal und ihre Leidenschaft. Hinzu kommt die Sprache, bzw. die Sprachen, die ihr in die Wiege gelegt werden. Sie habe kein Kinderzimmer gehabt, dafür drei Sprachen, schreibt sie in ihren „Erinnerungspassagen“. Damit war die Lesung „angerollt“, Türen schliessen, die Reise ging los.

Lena – Freundin, Vertraute, Mutter und Helferin in allen Lebenslagen

Im Buch fährt sie per Zug an alle östlichen Enden Europas, an der Lesung beschränkte sich Rakusa auf ihr Studienzeit in Leningrad Ende der Sechzigerjahre. In „LL oder Lena forever“ ist dieser Lebensabschnitt in einer einzigen Person konzentriert. Die Freundschaften mit den Menschen dieser Stadt seien das Wertvollste, was sie in dieser Zeit mitbekommen habe und was sich bis heute erhalten habe.

Lena ist Freundin, Vertraute, Mutter und Helferin in allen Lebenslagen – und zwar nicht für nur für Rakusa, sondern für alle, die sie umgeben. Dank ihr erhält Rakusa den tiefen Zugang zur russischen Literatur, Poesie, Musik und zum russischen Leben. Unvergessliche Abende in der Küche mit Diskussionen, Gesang und Gitarrenmusik. Dankbar und voller Wärme begleitet Rakusa ihre Freundin im Text bis zu ihrem Tod. Weitere Passagen führen in die Bibliothek, ins Studentenwohnheim, in Konzertsäle der Stadt, weiter, weiter…

Mehr Poetin als Schriftstellerin

Sie sei froh, das Rakusa diese Zeit beschreibe, meinte Marina Korenewa, denn in der russischen Literatur werde diese Epoche meist ausgeblendet. An diesem Punkt kam das Gespräch auf die Bedeutung der Poesie für die Russen. Sie erinnere sich, wie ihre Mutter ihr geraten habe, viel zu lesen, damit sich davon zehren könne, wenn sie im Gefängnis sitze, erzählte Korenewa. Literatur und Poesie als ein Schatz, der einem niemand wegnehmen kann.

Auch Rakusas Poesie kam zur Sprache – sie fühle sich mehr als Poetin, denn als Schriftstellerin, erklärte sie und belegte dies, indem sie aus dem lautmalerischen Text „Wind“ vorlas. Rakusa erinnerte sich, wieviele Gedichte die Russen damals auswendig wussten – sogar die Taxifahrer rezitierten Poesie. Ob dies immer noch so sei? Die Taxifahrer seien eben nicht mehr dieselben, erhielt sie als Antwort aus dem Publikum. Damit war alles gesagt: Das Russland von heute ist ein anderes.

Dankbar – ihren Eltern und dem Schicksal

Rakusa liebt Russland – dass diese Liebe entstehen und bestehen konnte, ist neben Dostojewski hauptsächlich Rakusas Eltern zu verdanken. Diese – die Mutter Ungarin, der Vater Slowene – kamen 1951 mit der sechsjährigen Ilma und ihrem Bruder in die Schweiz. Sie hätten in einem demokratischen Land leben wollen, erklärte Rakusa. Der kalte Krieg und die brutale Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 und des Prager Frühlings 1968 durch die Russen sorgten in der Schweiz für eine starke antisowjetische Stimmung.

Auch Ilma Rakusas Eltern konnten erst nicht verstehen, warum es ihre Tochter in dieses Land zog. Sie hätten aber trotzdem zugestimmt, weil sie verstanden hätten, dass es für sie wichtig gewesen sei, meinte Rakusa. Dann hätten sie sie sogar besucht – im Auto über Finnland, ein ganz besonderes Unternehmen für diese Zeit. Sie habe ihnen viel zu verdanken – das Interesse für Literatur und Kunst, die kosmopolitische Erziehung und die Freiheit, einen eigenen Weg zu gehen. Sie sei sehr dankbar, ihren Eltern und ihrem Schicksal, sagte Rakusa.

Der wache Blick durch die Rose

Lesen und diskutieren – dazwischen immer wieder der wache Blick durch die gelbe Rose ins Publikum. Was interessierte die Leute noch? Massenliteratur? Das sei nicht ihre Kultur, obwohl die Tatsache, dass jemand viel gelesen werde, nicht heisse, dass er schlecht schreibe. Unter den Bestsellern befänden sich viele gute Schriftsteller. Sie habe einfach eine andere Herangehensweise, und es sei wichtig auf sich selbst zu hören.

Noch eine Frage: Welche Schriftstellerinnen und Schriftsteller sie lese? Eine lange Liste folgte – darunter all die Autoren, die sie übersetzt hat, Marguerite Duras, Imre Kertész, Péter Nádas. Beim Namen Danilo Kiš blieb sie stehen – sie hält ihn für einen der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Vieles hat sie mit ihm gemeinsam: das mehrsprachige Elternhaus, das Pendeln zwischen Ost und West… Dann zum Abschied ein Brodsky-Gedicht: „Du hast dich auf leisen Lippen davongemacht…“

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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