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Stelldichein am Nullpunkt der Form – Malewitsch und zeitgenössische Kunst in der Zürcher Galerie Nadja Brykina

Von   /  30. Januar 2013  /  1 Kommentar

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tk.- Die Zürcher „Galerie Nadja Brykina“ präsentiert in der Ausstellung „Metageo – Aura Malewitschs und zeitgenössische russische Kunst“ Werke von 28 russischen Künstlern mehrerer Generationen, die die ganze Bandbreite der Inspirationen vom Malewitschs suprematistischen Werk zeigen.

Die Ausstellung wurde vom Direktor des Staatlichen Zentrums für zeitgenössische Kunst in Moskau Leonid Bazhanov kuratiert. Er äusserte sich zu den ausgestellten Arbeiten: „…Alle diese Werke sind in unserer Wahrnehmung auf verschiedene Weise in dem von Malewitsch gezeugten Raum eingeschlossen. Dieser Raum ist wie aus dem Urknall entstanden – nachdem Malewitsch die Geometrie befreit hat. Deshalb heisst auch die Ausstellung „Metageo“.

Malewitsch und seine Nachfolger

Kasimir Malewitsch hat als Künstler, Kunsttheoretiker und Begründer des Suprematismus  die russische Avantgarde zwischen 1915 bis 1925 wesentlich mitgeprägt. In seinem Aufsatz „Vom Kubismus und Futurismus zum Suprematismus“ schrieb Malewitsch 1916 programmatisch: „Ich habe in der Null der Formen eine neue Gestalt gefunden und bin über die Null hinaus zum Schöpferischen gelangt, d. h. zum Suprematismus, zum neuen Realismus in der Malerei – zum gegenstandslosen Schaffen“.

Sein berühmtes „Schwarze Quadrat“ (1913) als Inbegriff der gegenstandlosen Kunst war revolutionär. Die Künstler der Avantgarde wie Rosanowa, Tatlin, Lebedew, Rodtschenko waren von der suprematistischen Malerei Malewitschs stark beeinflusst. Die westlichen Künstlergenerationen liessen sich ebenfalls vom Malewitsch Schaffen inspirieren: Man denke an Minimal Art, Konzeptkunst oder Konkrete Kunst. Russische Museen haben jedoch zum Malewitschs Werk und seiner Nachfolger lange Zeit ein eher diffiziles Verhältnis gezeigt: Von den 30ern bis in die 90er fristeten diese ein Schattendasein in den Museumsdepots.

Noch im Ausstellungskatalog „Sowjetische Kunst der 20er und 30er Jahre“ des Russischen Museums in Leningrad von 1988 finden sich lediglich zwei suprematistische Porzellanstücke von Malewitsch (eine Tasse und Teekanne), aber keines seiner Gemälde. Daher können bis heute „Neuentdeckungen“ verkündet werden. Umso spannender erscheint die sehr heterogene Ausstellung „Metageo“ von 28 Künstlern, die sich auf die suprematistische Ästhetik Malewitschs beziehen.

Geschwindigkeit und Richtung

In „Ananas in Champagner“ (1978) von Marlen Spindler oder in der „Grossen Konstruktion“ (1998) von Vladimir Andreenkov findet sich beispielsweise die Auseinandersetzung der Künstler mit dem Verhältnis der geometrischen Formen zum Bildraum. Sie setzen Flächen und Linien nebeneinander, woraus ein komplexes Gewebe entsteht. In der „Komposition“ (1980) von Eduard Steinberg werden die Geschwindigkeit und Richtung thematisiert. Diese Bilder evozieren das Gemälde von Malewitschs „Suprematismus“ (1916), in dem die Farbflächen und Linien schwerelos im Bildraum schweben.

Russische Ikone und Suprematismus

Der Suprematismus gründet unter anderem auf der Bildtradition der Ikone, in der das Kultbild als geistiges Konzept aufgefasst wird. Malewitsch sah in seinen suprematistischen Bildern stehts eine metaphysische Dimension. Ihn inspirierte aber auch die Malweise der Ikone in der Verwendung der reinen Farbe, in der grafischen Darstellung der Figuren und des Raums.

Die horizontalen Farbstreifen der „Komposition“ von Andrey Krasulin erinnern in ihrem dynamischen Rhythmus stark an „Das rote Haus“ von Malewitsch. Mikhail Krunov in „Zyklus“ (1995) lotet in seiner Nebeneinadersetzung mehrerer farbigen Vierecke ebenfalls die Wechselbeziehung von Farben und Formen und den dadurch entstehenden Rhythmus aus.

„Faktura“ als neues Gestaltungsprinzip

Mit dem Ausdruck „faktura“ entwickelt die russische Avantgarde ein neues Gestaltungsprinzip, bei dem Raum, Bildoberfläche und Material zentral sind. “Weisses Quadrat“ (2007) von Alexander Julikov repräsentiert eine raue „faktura“ – das Quadrat aus den zusammengesetzten vier Vierecken, deren Maloberflächen dicht weiss bemalt und geritzt sind. Gleichzeitig spielt der Titel “Weisses Quadrat“ subversiv an das „Schwarze Quadrat“ von Malewitsch an.

Mit den Gestaltungsmitteln der „faktura“ arbeiten auch Vladimir Andreenkov in seinem Bild-Objekt „Weisses Relief“ (2000), das aus den weiss und dunkelblau gefärbten Holzflächen besteht, oder Igor Vulokh im Bild „Kubus“ (1970), in dem er mit dem pastosen Malauftrag voluminöse Trennlinien bildet, die die Bildtiefe erzeugen.

Keine Erstarrung vor Malewitsch

Einige Künstler scheinen in ihrer Anlehnung an Suprematismus auf der dekorativen Ebene zu bleiben. Die Mehrheit der ausgestellten Arbeiten zeugt jedoch nicht vom Zustand der ehrfurchtsvollen Erstarrung vor Malewitschs Werk, sondern balanciert leichtfüssig zwischen Bewunderung und Hinterfragung, was diese Werkgruppe so spannend macht.

Bis am 26. Februar. Galerie Nadja Brykina Zürich: „Metageo – Aura Malewitschs und zeitgenössische russische Kunst“. Sihlstrasse 91, Zurich, Tel. +41 44 222 05 05. www.brykina.ch

Bild: Marlen Spindler, Collage, Tempera auf Papier, 1990. (Foto: PD)

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Die Entfesselung der Widerspenstigen – “Die Haare” von Veronika Rudyeva-Ryazantseva in der Erarta-Galerie Zürich

 

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Elber Irène sagt:

    Sehr fundierter Text. Liefert genaue Hintergrundinformationen und stellt Vergleiche an. Nimmt kein Urteil vorweg, so dass sich der/die GaleriebesucherIn noch ein eigenes Urteil bilden kann.

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