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Am Ende des menschlichen Kosmos angelangt – Boris Strugatzki ist tot

Von   /  21. November 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Nach Arkadi Strugatzki (1991 verstorben) ist nun auch sein Bruder Boris als „menschliche Stimme“ der zeitgenössischen Science Fiction-Literatur verstummt. Die beiden hinterlassen einen literarischen Kosmos, in der Millionen von Menschen Freiheit, Abenteuer und Auseinandersetzung mit sich selbst und mit ihrer Umgebung fanden, die ihnen in der realen Welt fehlte.

Die beiden Namen mussten immer zusammen genannt werden, denn Boris und Arkadi schrieben und dachten zusammen. Obschon sie sich beruflich in zwei völlig unterschiedliche Richtungen wandten – Arkadi als Anglist und Japanologe, Boris als Programmierer – bildeten sie in ihrem Leben eine einzigartige und  fruchtbare Symbiose. In einer Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Büchern, übersetzt in über 30 Sprachen erschienen ihre Bücher.

Die Science-Fiction-Literatur war in der Sowjetunion und in den Ostblockstaaten immer eine Art von Kompensation für die mangelnde Bewegungs- und Gedankenfreiheit in der Realität. Die Ideologische Führung reagierte unterschiedlich darauf. Mal wurden die Strugatzki-Bücher verboten, mal zensiert, mal genehmigt. Aber immer fanden sie ihre Leser, auch im Westen, wo Science-Fiction vielerorts auf dem Niveau von Flash-Gordon steckengeblieben war und sie eine geistige Lücke ausfüllten.

Kein Triumph der Technik

Drehten sich die Romane westlicher Autoren in erster Linie um technisch-strategische Fragen, so standen in den Strugatzki-Geschichten immer der Mensch und die Philosophie im Vordergrund. Die Menscheit, ihre Wahrnehmung und ihre Grenzen – und vor allem, was dahinter steckte, wurde mit viel Tiefgang erforscht.

Auch hier gab es technische Raffinesse, doch triumphierte sie nicht – meist blieb der Mensch mit sich und seinen Fragen allein, auch wenn das Ziel im ersten Moment erreicht schien. Fast immer ist in ihren Geschichten die Realiät subtil mit der Fantasie-Welt verwoben, der Übergang kaum sichtbar und darum um so spannender. Der Mensch bleibt Mensch in all seinen Bestrebungen und Schwächen im Guten wie auch im Bösen. Neben moralischer Kritik wird  in vielen Werken, so zum Beispiel im „Experiment“, das brutale Machtdenken in Frage gestellt.

„Stalker“ – Kultfilm in Ost und West

Einige Werke der Brüder Strugatzki wurden verfilmt – das bekannteste Beispiel ist sicher „Stalker“ (1979) vom russischen Regisseur Andrei Tarkowski nach den Motiven von „Picknick am Wegesrand“ gedreht, der in Ost und West bald Kultstatus erlangte. Ausserdem brachte der Regisseur Peter Fleischmann 1989 in einer deutsch-sowjetisch-französischen Coproduktion den Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ auf die Leinwand.

Ihr fundiertes Wissen sorgte auch für viele begeisterte Leser unter Wissenschaftlern und Forschern – und für deren Anerkennung. 1977 wurde sogar ein Asteroid mit der Nummer 3054 zu Ehren des Brüderpaares mit dem Namen „Strugatskia“ versehen.

Immer wieder neu aufgelegt

Auch nach dem Tod des einen Strugatzki-Bruders verstummte ihre Stimme nicht. Boris Strugatzki schrieb weiter, und die erfolgreichsten Werke der beiden wurden neu aufgelegt. Auch auf Deutsch werden sie weiter gelesen – so hat der Heyne-Verlag kürzlich in zwei Sammelbänden die beliebtesten Romane herausgegeben. Der erste Band enthält „Die bewohnte Insel“, „Ein Käfer im Ameisenhaufen“ und „Die Wellen ersticken den Wind“, Band zwei die Geschichten „Picknick am Wegesrand“, „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ und „Das Experiment“.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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