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Aluminiumgurken und Bronzedenkmäler – Petersburg gedenkt Rock-Ikone Viktor Zoi

Von   /  23. Juni 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Kaum etwas ist in einem Land, in dem man nicht aufgewachsen ist, so schwer zu verstehen wie Personenkulte. Ein skeptischer Bericht von einer Nichtrussin über das 50-jährige Jubiläum der Leningrader Rocklegende Viktor Zoi, die in hier verehrt wird wie anderswo John Lennon oder Elvis Presley.

Viktor Zoi ist ja nichts Neues für mich. Bis ich nach Russland kam, hatte ich zwar noch nie von ihm gehört, einmal hier aber schon nach ein paar Stunden, und danach fast kategorisch jeden Tag. Aus Erzählungen und Filmen wusste ich bald, dass er dieser berühmte Rock-Halbott der 80er war, Gründer der Band KINO, ein Halbkoreaner, groß und attraktiv, der von Zigarettenpackungen und mysteriösen Aluminiumgurken sang und im Alter von 28 Jahren in einem Autounfall tödlich verunglückt war. Wann immer jemand in meiner Nähe Gitarre spielte, war es mit großer Wahrscheinlichkeit ein Stück von Viktor Zoi.

Kult ist kollektive Fantasie

Ich fand die Musik und die Texte nicht schlecht, ähnlich wie die anderer russischer 80er-Rockbands, vielleicht manchmal ein bisschen arg theatralisch und depressiv. Aber mit der Zeit fing ich doch an, mich zu fragen, wieso alle Petersburger, und gerade die Generation, die erst nach Zois Tod geboren worden war, den alten Onkel Zoi so mehr als alle anderen Frontmänner der Welt verehrte. Nach drei Monaten hatte ich schon ein bisschen die Nase voll von ihm.

Klar, ich weiß: An einem Kult ist nur ein kleiner Teil Realiät, der größte Teil ist kollektive Fantasie. Und um die zu verstehen, muss man damit aufgewachsen sein. Die Russen werfen mir das laufend vor. Ich verstünde nicht, wie genial Zoi die Mentalität, diese Auswegslosigkeit und pessimistische Provokation der letzten Jahre der Sowjetunion ins Herz getroffen hätte. Ich hätte nicht den Schock nicht erlebt, als Zoi verunglückte, und auch nicht, wie der Zoi-Kult langsam wieder an Substanz gewann, während die russische Gesellschaft der 90er allmählich wieder in die Auswegslosigkeit der 80er abdriftete. Schuldbewusst angesichts dieser Vorwürfe freue ich mich, als ich höre, dass am 21. Juni in Petersburg ein Gedanktag für Zoi stattfinden soll, der an diesem Tag fünfzig Jahre alt geworden wäre. Eine Gelegenheit, ihm nochmal eine Chance zu geben, denke ich mir. Vielleicht helfen mir ja die Veranstaltungen des Tages, das Mysterium Zoi doch noch zu lösen.

Totenwache für Zoi

Die Feierlichkeiten beginnen nicht erst am  Gedenktag selbst, sondern schon am Abend vorher: die Nacht vom 20. auf den 21. Juni wird im Buchladen Bukovojed auf dem Nevskiprospekt 46 im Namen Zois durchgemacht. In einer Art Grotte, die dem Buchladen als Lesebühne dient, sprechen mehrere Zoi-Experten, darunter Juri Belischkin, der erste Produzent der Band Kino, Sergej Bermenjev, ein Moskauer Fotograf, der zum Jubliäum eine Zoi-Fotogalerie eröffnet und einen Fotoband veröffentlicht hat, der Moskauer Bildhauer Aleksei Blagovestnov, der Zoi in einem Denkmal auf einem Motorrad verewigt hat, sowie der Petersburger Journalist Michail Sadtschikov, der Zoi zu seinen Lebzeiten gut kannte. Alle kommen sie etwas ratlos auf die Bühne: Sie sollen erzählen, worüber sie so mit Zoi gesprochen haben, müssen aber stattdessen einer nach dem anderen gestehen, dass Zoi eigentlich kein besonders gesprächiger Zeitgenosse war und sie mit ihm eigentlich vor allem – geschwiegen haben.

Die Aussicht, dass hier bis zum Morgen über Zoi geredet werden soll, erscheint mir zunehmend absurd. Immerhin, Sergej Blagovestnov, ein schüchterner bärtiger Herr mit eingefallenen Schultern, der dem Publikum gleich zu Anfang unerbittlich erklärt, er spreche hier nur mit denen, die seine Skultpur schon gesehen hätten, gefällt mir. Ebenso Sadtschikov, der ehrlich zugibt, er habe mit dem posthumen Ruhm Zois nicht gerechnet und die pikante Frage stellt, was wohl aus Zoi geworden wäre, wenn er jetzt noch lebte. Die Antworten sind weniger interessant: alle sind sich einig, er wäre immer noch Musiker, vielleicht noch Filmschauspieler oder im äußersten Fall Produzent. Skandalösere Einfälle kommen niemandem über die Lippen. Bevor ich einschlafe, ergreife ich lieber die Flucht, und schlafe mich aus für den folgenden Tag.

Zoi als Shootingstar

Meine erste Anlaufstelle am Gedenktag selbst ist die Open-Air-Fotogalerie von Sergej Bermenjev auf der Malaya Sadovaja, die dort schon am 3. Juni eröffnet wurde und noch bis 31. August zu sehen ist. Geht man sie vom Nevski aus ab, sieht man auf der Vorderseite der Fotosäulen jeweils Zoi in stehenden, lasziven Posen, während er auf der Rückseite gelassen raucht. Wie ein lässiger Typ sieht er aus, aber nicht wie ein Charakter. Keine Ausrutscher, alles glatt. Plakatsicher. Zum Teil etwas gestellt. Bei den Petersburger Fotografen hat diese Open-Air-Ausstellung offenbar einigen Unwillen ausgelöst, weil Bermenjev, der in Moskau lebt, Zoi nur ein einziges Mal im Leben überhaupt getroffen hat. Ihm wird eiskaltes Moskauer Geschäftskalkül unterstellt.

Tatsächlich etwas befremdlich: Zu beiden Enden der Ausstellung hängen Tafeln mit einer Biografie. Dabei handelt es sich nicht, wie vielleicht zu erwarten, um eine Biografie von Viktor Zoi, sondern um einen Abriss aus dem Leben von Sergej Bermenjev. “Sergej Bermenjev, Künstler, großartiger Künstler…”, beginnt die Vita. Unter ihr folgen Pressezitate über den Fotografen. Wenn man Zoi nicht kennt, könnte man zu der Annahme  kommen, der Kerl auf all den Fotos sei niemand anderes als dieser “großartige Künstler” Bermenjev. Den Russen wird das wahrscheinlich nicht passieren, den Touristen, die den Nevski entlangspazieren, dagegen umso eher. Zum Beispiel dem Marrokaner, der neben mir seinen Kumpel fragt “Eh, was ist denn das für einer, dieser Chinese?”. Ich bekomme das ungute Gefühl, dass die Vergötterung Zois vor allem anderen Künstlern dazu dient, ihre eigene Vergötterung voranzutreiben. Die erste Etappe meines Tages hat mich nicht überzeugt.

 Zoi aus Bronze mit Motorrad

Ein anderer Tribut an Viktor Zoi ist das Bronze-Denkmal des Moskauer Skulptors Aleksei Blagovestnov, das zum Ehrentag der Legende vor der Oktjabrskij-Halle abgeseilt wird. Es bildet Zoi auf einem schräg in die Luft ragenden Motorrad mit zerschlagenem Scheinwerfer ab. Eine Plastik der gleichen Gestalt hat Blagovestnov bereits 2002 aus Gips modelliert, sie stand bereits kurzzeitig vor dem Aurora-Kino in Petersburg, bevor sie wegen fehlender Genehmigung wieder entfernt werden musste. Um das Denkmal noch einmal in Bronze zu gießen, investierte Blagovestnov aus eigener Tasche eine halbe Million Rubel, sodass die Russinen jetzt gefahrlos darauf herumklettern und sich fotografieren lassen können. Vor dem Oktjabrskij-Konzertsaal darf die Statue allerdings nur für einen Tag, am 21. Juni stehen. Selbst dafür wurde, typisch Russland, die Genehmigung erst tags zuvor erteilt.

Im Gegensatz zum auffälligen Motorrad ist Zoi, der im wahren Leben mit 1,80m von sehr sichtbarer Statur war, bei Blagovestnov eine eher kleine, schmächtige Figur. Ein schüchterner Typ mit eingefallenen Schultern, ein bisschen wie Blagovestnov selbst. Der hat die Dominanz des Motorrads über die Figur in seinem Denkmal immerhin schön begründet: Zoi solle nicht größer wirken als die Passanten um ihn herum. Wenn Regisseur Soloviev die Genialität des Denkmals preist, auf dem Zoi „wie ein richtiger Russe auf einem völlig abgewrackten Motorrad abhebt“ frage ich mich aber doch, ob hier jetzt völlig vergessen wurde, dass Zoi,  der im Übrigen lieber mit dem Auto als mit dem Motorrad unterwegs war, bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Darauf angesprochen, dass Zoi nicht gerade ein motorradversessener Hell’s Angel war, entgegnet indessen Blagovestnov, für ihn sei Zoi vielmehr selbst wie ein Motorrad gewesen. Das ist natürlich auch eine Ansicht. Vielleicht wollte Blagovestnov auch einfach gerne eine Motorrad-Statue machen, was ja auch eine ziemlich geniale Idee ist, die ihm auch wirklich gut gelungen ist.

 Zoi im Orchester-Maßstab

Am Abend des 21. fanden in Petersburg an den verschiedensten Orten Zoi-Veranstaltungen statt. In der Bar „Kamtschatka“, wo der Sänger in der Küche gejobbt hatte, erwies man ihm ebenso die Ehre wie in zahlreichen anderen Rockclubs. Offizieller Höhepunkt des Gedenktags war aber ein prominent besetztes Konzert im Konzertsaal Oktjabrskij. Zois Musik nahm dabei symphonische Maßstäbe an: das Ermitage-Orchester inszenierte eine Igor-Vdovin-Orchesteradaption von Viktor Zois bekanntesten Liedern. Mit von der Partie war Juri Kasparjan, ehemaliger Gitarrist von Kino, der sehr konzentriert spielte, nie lächelte, und vor dem Hintergrund des freundlichen Orchesters etwas wie ein Veteran wirkte. Aus Rockmusik eine Orchestersymphonie zu machen, ist natürlich generell gewagt. Das Konzert kann meine Zweifel leider nicht zerstreuen. Es bleibt verstörend, wie das Publikum – überwiegend mittleren Alters und mittlereren Standes – ehrfürchtig stillsitzt und einem klassisch dahinplänkelnden Konzert lauscht, das etwas konservieren soll, was einmal Underground-Rockmusik war. Nur einmal ruft jemand dazwischen “Zoi lebt!”. Viel zu merken ist davon nicht.

 Zoi kosmopolitisch: auf Französisch und Englisch

Nach der Pause wird es dann etwas knalliger. Das Programm verspricht französische und amerikanische Bands, die Zoi-Lieder auf ihrer Sprache singen. Das soll wohl den Anschein erwecken, Zoi sei auch international eine Legende. In Wahrheit ist das so nicht ganz treffend. Der französische Interpret Jean Luc Débouzy ist ein Diplomat, der seinen Lebensmittelpunkt in Russland hat. Auch der amerikanische Sänger von Brazzaville hat eine besondere Russland-Affinität. Er sieht aus wie ein Student aus einem guten amerikanischen College. Meine Nachbarin rät mir, die Augen zuzumachen und zu versuchen, die Melodien von KINO herauszuhören. Nach dem kleinen kosmopolitischen Exkurs eine Rede von Sergey Solovjov, Regisseur des Films “Assa”, in dem Zoi 1987 mitgespielt hat. Wieder das Paradox: hier soll jemand darüber sprechen, worüber er mit Zoi gesprochen hat, und muss aber gestehen, dass er mit Zoi – eigentlich gar nicht gesprochen hat. Trinken und schweigen, das sei Zois Art gewesen. Zum krönenden Abschluss spielt die Gruppe “Viktor”, die sich ganz dem Kopieren von Zoi-Songs verschrieben hat. Die einzige Ähnlichkeit des Sängers mit Zoi ist dabei seine asiatische Abstammung. Sonst sieht er aus wie ein Schuljunge mit Babulka-Frisur.

Während über der Bühne Ausschnitte aus dem Film “Igla” (1988) von Raschid Nugmanov über die Leinwand zappen, in dem Zoi einen drogensüchtigen Hooligan spielt, intoniert der Viktor-Sänger brav,mit tapferem Lächeln und Schokostimme “Mama Mama” (eigentlich ein Lied, in dem Zoi seiner Mutter beichtet, dass er ein Totalversager ist). Vor dem großen, spindeldürren Zoi, der im Film in zerrissenen Hemden Krankenschwestern angräbt und den Kopf nach hinten wirft, wirkt er ziemlich absurd. Ich frage mich, was Zois Vater und Sohn, die auch im Publikum sitzen, wohl von dieser Darbietung halten.

Fazit: Von Orchester über Filme bis zu ausländischen Bands wurde alles mobilisiert, um Zoi wieder zum Leben zu erwecken. Gerade das aber hat leider gar nicht geklappt. Denn eben das, was die Leute so an Zoi lieben, nämlich seine Freiheit und sein Draufgängertum, die der Film bisweilen erraten lässt, stehen allen diesen Anstrengungen der Organisatoren frontal entgegen. Natürlich: Wenn man Zoi “in sich trägt”, wie Solovjov es nennt, mag diese Veranstaltung gerreicht haben, um die inneren Kultsensoren zu aktivieren – tatsächlich durchbricht am Ende noch ein Teil des Publikums die Sitzvorschrift und tanzt ein bisschen vor der Bühne herum. Für mich dagegen bleibt die Veranstaltung das, was sie eben ist – eine Gedenkveranstaltung für einen Toten.

 Zoi auf der Straße um zwei Uhr morgens

Einer Intuition folgend spaziere ich nach dem Konzert, das mich ziemlich frustriert hat, noch einmal zur Malaja Sadovaja. Am Nevski vor der Bildergalerie findet noch ein Gespräch mit irgendwelchen Prominenten für’s Fernsehen statt. Am anderen Ende der Ausstellung, auf der Italianskaja-Seite, finde ich dann aber endlich, was ich suche: Zwei Grüppchen Teenager sitzen dort auf einem provisorisch aufgebauten Amphiteater und singen laut und falsch, während die Hände von zwei Jungs über die Seiten der Gitarren fliegen.

Einer hat schon ganz die Allüren von Viktor Zoi. Ich werde mit “Alles Gute zum Geburtstag” begrüßt, jemand hält mir Bier hin, jemand anders Portwein. Sogar zwei echte Motorräder stehen herum, darauf Typen in Lederjacken und ihre Rapunzel-Bräute. Naja, zugegeben, es sind nur zwei kleine Grüppchen, die bis jetzt durchgehalten haben, und die jungen Zoi-Anhänger singen nicht gerade virtuos. Trotzdem: Wenn sich Zois Geist heute irgendwo unter die Leute gemischt hat, dann, da bin ich mir sicher sicher, immer noch eher hier als auf der Gala im Oktjabrskij.

Überhaupt interessant: Was würde er wohl sagen, Zoi, wenn er zum Beispiel im Himmel im Fernsehen sehen könnte, was heute hier in Petersburg in seinem Namen zelebriert wird? Man muss ihm ja zugute halten, dass an dem ganzen Kult wahrscheinlich er selbst am Wenigsten schuld ist. Vermutlich wäre er nicht gerade entzückt darüber, dass sein Andenken so völlig in das russische, immer leicht populistische Feierlichkeits- und Gedenkgehabe resorbiert wird, inklusive Denkmal, Orchesterkonzert und offiziellem Straßenfest.

Diesen Pomp für einen Staatsträger oder für einen noblen Puschkin, das kann man ja wenigstens noch verstehen, aber für einen Rockmusiker? Der von Obdachlosen im Regen, Straßen, der Nacht, Zigarettenpackungen, zerschlagenen Gläsern und zerrissenen Hosen gesungen hat? “Mach die Tür hinter mir zu, ich hau ab”, würde er sagen, wie in einem seiner berühmtesten Lieder, und die Tür des Fernsehsaals im Himmel zuknallen. Er würde zurück an die frische Luft gehen und im Himmel weiter seine mysteriösen Aluminiumgurken pflanzen.

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