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Afro-Petersbürgerin Justine Da Costa: “Eigentlich bin ich eine richtige russische Tante”

Von   /  30. Oktober 2010  /  2 Kommentare

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Dunkelhäutig sein in einem weissen Land ist nicht einfach – schon gar nicht in einem wie Russland, würde man meinen. Doch Justine Da Costa, Tochter des ersten offiziell getrauten afrikanisch-russischen Paars, fühlt sich hier zuhause. Erstaunte und schiefe Blicke auf der Strasse übersieht sie buchstäblich.

Von Eugen von Arb

Sie ist gross, rund und dunkel – Da Costas Gestalt, ihr Gesicht mit den grossen, freundlichen Augen und ihre schwarz gekrausten Haare stechen sofort aus der Menschenmenge auf dem Newski-Prospekt heraus. Dabei ist sie keine reine Afrikanerin, sondern Mulattin – ihre Eltern, die Mutter aus Leningrad, der Vater aus Zaire waren das erste offiziell getraute sowjetisch-afrikanische Paar.

Ihre Trauung – indirektes Ergebnis von Chruschtows Völkerfreundschaftspolitik – wurde 1964 in Moskau geschlossen. Die beiden wurden aus diesem Anlass sogar auf der Zairischen Botschaft empfangen. “Meine Mutter erzählte mir, dass am Esstisch ein kleiner afrikanischer Junge sass, der mit Telleraugen auf sie als einzige Weisse starrte und plötzlich zu weinen begann”, beschreibt Da Costa das steife Zeremoniell lachend.

Völkerfreundschaft als Instrument im Kalten Krieg

Die Ehe ihrer Eltern war gewissermassen eine Staatsangelegenheit, denn die Freundschaft mit den afrikanischen Staaten war ein wichtiges Instrument im Kalten Krieg. Auf dem schwarzen Kontinent, wo sich die Kolonialstaaten befreiten, fanden stellvertretend die heissen Kriege zwischen Ost und West statt. Die Sowjetunion leistete Entwicklungshilfe – und belieferte die Rebellen grosszügig mit Waffen.

Doch das Ganze hatte auch friedliche Seiten, so kamen zu dieser Zeit erstmals tausende schwarzafrikanischer Schüler und Studenten zur Ausbildung nach Russland. Unter anderem wurde damals die Lumumba-Universität in Moskau gegründet. Ärzte, Ingenieure, Lehrer und andere Spezialisten erhielten hier eine solide Ausbildung und leisteten nach ihrer Rückkehr einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung ihres Landes.

Echte Freundschaften

Viele Russen begegneten den afrikanischen Studentinnen und Studenten mit viel Enthusiasmus und Offenheit – echte Freundschaften und Liebschaften enstanden. “Mein Vater erzählte mir von einer Lehrerin in Iwanowo, die ihre Studenten bei der Rückkehr bis an den Flughafen begleitete und so geheult hat, dass man sie nochmals zur Verabschiedung ins Flugzeug liess”, erzählt Da Costa gerührt.

Auch sie wuchs in dieser freundschaftlichen Atmosphäre auf – “Meine Wahl der Ausbildung war ganz einfach: Ein Bekannter sagte mir damals, ich solle Energie-Technik studieren, weil es dort soviele von “Meinesgleichen” gäbe, sagt sie lachend. Sie schloss mit dem roten Diplom ab und war voller Idealismus. “Ich war so begeistert, dass ich mich sofort zur Arbeit nach Magadan im Fernen Osten melden wollte – darüber erschraken die Leute, und man teilte mich bei Lenenergo in Leningrad ein!”

“Jetzt kontrollieren die Amerikaner sogar den Strom bei uns!”

Dort arbeitet sie schon nun seit zwanzig Jahren als Kontrolleurin – sie schätzt das gute menschliche Klima und die vorbildlichen Anstellungsbedingungen. “Gde ja rodilas, tam i prigadilas” – zitiert sie ein russisches Sprichwort – “Dort, wo ich geboren wurde, wurde ich gebraucht”. “Eigentlich bin eine richtige russische Tante”, fügt sie schmunzelnd hinzu.

An ihrem Job gefällt ihr, dass sie sehr selbstständig und viel unterwegs ist. Mit erfahrenem Blick überprüft sie die Einhaltung der Vertragsbedingungen bei Grosskunden. Praktisch überall fühlt sie sich korrekt behandelt, nur ab und zu kommt es zu komischen Szenen – “Nicht schlecht, meinte einmal ein Mann als ich vor ihm stand – jetzt kontrollieren die Amerikaner sogar den Strom bei uns!”, erzält sie lachend.

Negative “Randbemerkungen” überhören

Negative “Randbemerkungen” hat sie gelernt, zu überhören. “Man muss sie wegstecken wie ein Fussballer, der während des Spiels die Flüche der gegnerischen Fans hört”, verrät sie ihren Trick gegen Rassismus. Mit den erstaunten oder verachtenden Blicken auf der Strasse macht sie es ähnlich – “Ich ziehe einfach die Brille aus, wenn ich auf der Strasse bin, dann sehe ich sie nicht!”

So ist ihr Lebensmotto: positiv und realistisch – “Sei aktiv und zähle nur auf dich selbst”, fasst sie zusammen. So meisterte sie ihr Leben und zog ihre drei Kinder aus zwei Ehen auf. Ihre beiden Töchter studieren in Petersburg, ihr Sohn lebt in Berlin.

“Gemischte Kulturen bringen Probleme für die ganze Familie”

Obschon sie überhaupt keine Rassistin ist, hofft sie, dass ihre Kinder einmal dunkelhäutige Partner haben werden. “Ich habe überhaupt nichts gegen gemischte Ehen, aber meistens bringt Mischung verschiedener Kulturen sehr viele Probleme mit sich, unter denen die ganze Familie leidet.”

Doch sogar dieselbe Hautfarbe kann den Kulturschock nicht vermeiden – das musste sie selbst erfahren, als sie versuchte mit ihrem ersten Mann in dessen Heimat Guinea-Buisseau zu leben. “Die gesellschaftlichen Rollen sind dort noch so stark”, dass man als emanzipierte Frau kaum akzeptiert wird. Wenn ein Mann beispielsweise seiner Frau beim Wassertragen hilft, wird er verachtet – auch wenn seine Frau krank oder schwanger ist.” Da sich auch ihr Mann zunehmend den traditionellen Regeln anpasste, hielt sie es nicht mehr und kehrte nach einem Jahr allein nach Russland zurück.

Rassismus in Afrika – “Schokoladenhase” oder “weisse Bohne”

Den Rassismus hält sie in Afrika für viel grösser als in Russland – am schlimmsten ist es ihrer Meinung nach in Ägypten, wo man sie einmal als “Schokoladenhase” beschimpfte. Den einen zu dunkel, ist man den anderen zu hell – zum Beispiel in Zaire, wo man Mulatten als “weisse Bohnen” bezeichnet. Interessanterweise fühlt sich in Tunesien am wohlsten, wo den Leuten scheinbar die Hautfarbe schlichtwegs egal ist.

Natürlich haben auch sie die rassistischen Übergriffe in Petersburg und anderen russischen Städten schockiert. Mit dem bekannten Petersburger Afrikanist und Antifaschist Nikolai Girenko, der 2004 von Skinheads erschossen wurde, war sie persönlich befreundet – Tränen steigen ihr in die Augen als sie von ihm erzählt. “Jedes Mal, wenn wieder ein Anschlag auf einem afrikanischen Studenten passiert, machen Telefone besorgter Eltern die Runde, die sich nach ihren Kindern erkundigten.”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. beka sagt:

    Ich bin selber eine Afrikanerin , es ist zum Alltag geworden das wir Dunkelhäutigen in einem Fremden Land (gemobbt ) beleidigt werden . Mir ist das ganz egal denn ich bin Stolz und sehr Froh darüber aus Afrika zu sein denn unsere Kultur ist die aller beste Kultur.

    LG beka

  2. realsatire sagt:

    Ein Klasse Porträt einer Starken Frau !

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