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4. November: Am Tag der Einheit scheiden sich in Russland die Geister

Von   /  5. November 2008  /  Keine Kommentare

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eva.- Die meisten Russinnen und Russen liessen es sich am freien 4. November gut gehen und verbrachten die Freizeit vor dem Fernseher oder bei Freunden und Verwandten. Einige wenige gingen auf die Strasse um zu demonstrieren – Nationalisten, Faschisten, Antifaschisten, Kommunisten und religiöse Fanatiker.

In ganz Russland wurden an diesem Tag über 20.000 Polizisten aufgeboten, um die Einheit vor der Zwietracht zu bewahren. Ihre Hauptaufgabe bestand hauptsächlich darin, die diversen Demonstrationszüge voneinander zu trennen, damit sie einander an „ihrem“ Feiertag nicht in die Haare gerieten. Denn jede Gruppe beansprucht den 4. November direkt oder indirekt für sich. Allein in Petersburg fanden an drei Orten Meetings oder Märsche statt, die Polizei nahm dabei rund 50 Personen fest.

Der Tag der nationalen Einheit  ist einer von jenen Feiertagen im russischen Kalender, von denen niemand so richtig weiss, was nun wirklich gefeiert wird. Wie an keinem anderen Festtag, offenbart sich, wie gespalten die russische Nation eigentlich ist. Einerseits wird der umstrittene Feiertag mit einem Ereignis in Verbindung gebracht, dem offiziell nicht mehr gedacht wird – dem Beginn der Oktoberrevolution am 7. November. Dieses Fest war zu Zeiten des Sozialismus der höchste russische Feiertag.

Seine Abschaffung, die unter Präsident Boris Jelzin schrittweise vollzogen wurde, ist noch heute für viele Russen ein Skandal. Genau sie sind es auch, die den neuen Feiertag, den Tag der Einheit am 4. November, als „Ersatzlösung“ ablehnen und den Staat beschuldigen, auf diese Weise seine Vergangenheit verleugnen zu wollen.

Russen und Polen streiten um den Zarenthron

Die russisch-orthodoxe Kirche hingegen weist darauf hin, dass die Einführung des 4. Novembers nur die Wiederherstellung eines traditionellen Kirchenfests sei – das Fest der russischen Einheit und der Ikone der Kasaner Gottesmutter wird bereits seit dem 17. Jahrhundert gefeiert.

Am 25. Oktober (4. November nach neuem Kalender) 1612 wurde in Moskau das Heer des polnisch-litauischen Königs Sigismund III. Wasa von den Russen entscheidend geschlagen und sein Anspruch auf den russischen Thron vereitelt.

Heute stellt die russische Kirchenführung jedoch den militärischen Sieg über die Polen in den Hintergrund und unterstreicht die Tradition und die Bedeutung der Einheit Russlands als geistigen Wert.

Russisch-polnisches Verhältnis noch heute nicht ungetrübt

Da das Verhältnis zwischen Russland und Polen aber noch jetzt nicht ganz ungetrübt ist, nehmen die russischen Nationalisten und Faschisten am 4. November die Gelegenheit war, um für Russland und gegen seine „Feinde“ ins Feld zu ziehen.

Gleichzeitig hatten die russisch-polnischen Konflikte meist auch einen religiösen Aspekt – die russisch-orthodoxe Kirche stand dem Katholizismus gegenüber. Daher feiern religiöse Fanatiker wiederum am 4. November den Sieg der russischen Kirche.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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