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Standbild in Bewegung – die Eremitage zeigt Georg Kolbes Tusche-Skizzen

Von   /  22. Oktober 2009  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Ausstellung „Georg Kolbe – Zeichnungen mit blauer Tusche“ zeigt das unbekannte Schaffen eines Bildhauers und lässt das Publikum einen vergessenen, aber bedeutenden deutschen Künstler wieder entdecken.

Trotz der grossen stilistischen Vielfalt in Georg Kolbes Werk überwiegt in seinen Arbeiten die statisch-mysthische Ausstrahlung. Bewegung und Emotionen sind eher zurück gehalten – um so überraschender ist es darum, die expressiven Tusche-Zeichnungen Georg Kolbes zu betrachten, welche die Eremitage in einer kompakten Ausstellung zeigt.


Die Zeichnungen stammen alle aus dem Zeitraum 1919-21 – eine schwierige Zeit von Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise, in denen sogar jene Künstler, die schon vor dem ersten Weltkrieg zu Ruhm gekommen waren, in materielle Schwierigkeiten gerieten. Neben kleinformatigen Statuen fertigte Kolbe daher Zeichnungen an und stellte diese zusammen mit seinen plastischen Arbeiten aus. Die Zeichnungen leben von ihrem unmittelbaren Ausdruck – Kolbe malte ohne Vorskizzen direkt mit Feder, Pinsel mit Tusche. Dieses spontane Element bildete ein ideales Gegengewicht zu sorgfältig konzipierten Standbildern.

Bewunderer der Tanzkunst

Die Zeichnungen sind nicht zwar bei weitem nicht der wichtigste Aspekt in Kolbes Schaffen, aber sie bringen sehr gut seine Begeisterung für die Tanzkunst zum Ausdruck. Da Kolbe die Zeichnungen zwar signierte, aber nicht datierte ist schwer zu eruieren, wer darauf abgebildet ist. Eine ganze Reihe bekannter Tänzerinnen und Tänzer standen ihm in diesen Jahren Modell, unter ihnen die javanische Tänzerin Siti Sundari, die Ausdruckstänzerin Charlotte Bara und Eva Rechlin (Grossmann), die einer kommunistischen Tanztruppe angehörte. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass jemand von ihnen auf den Tuschskizzen abgebildet ist, weil sie sich dem Bildhauer kaum nackt gezeigt hätten.

Unter den ausgestellten Zeichnungen befindet sich auch eine Skizze für ein Standbild im Lingner-Mausoleum im Park vom Lingerschloß in Dresden. Der Industrielle Karl August Linger, unter anderem bekannt für das von ihm produzierte Odol-Mundwasser, war der erste Sammler von Kolbes Werken. In seinem Testament verfügte er 1916 den Bau eines Mausoleums, das durch die Architekten Hans Poelzig und Marlene Moeschke-Poelzig sowie Georg Kolbe ausgeführt werden sollte. Davon wurde allerdings nur der Pavillon und ein mit Kolbes Reliefs verzierter Sockel verwiklicht – die vorgesehene Assunta-Skulptur von Kolbe fehlt – sildalis india.

Schwierige Existenz zwischen Links und Rechts

Georg Kolbe (1877-1947), der eine ganze Reihe wichtiger Standbilder in verschiedenen deutschen Städten schuf und als einer der wichtigsten deutschen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, ist heute eher in Vergessenheit geraten. Ein Grund dafür ist sicher seine Weigerung, sich in den politisch schwierigen Zeiten, einer Ideologie zu verschreiben. Weder war er in der Weimarer Zeit ein feuriger Linker, noch begeisterte er sich ab 1933 für die nationalsozialistischen Kunstwerte. Er machte keinen Hehl aus seiner liberalen Weltanschauung und zeigte sogar einiges an Zivilcourage in der Kulturszene des Dritten Reichs, in dem er „entartete“ Künstlerkollegen in Schutz nahm.

Auch er selbst wurde von den Nazis kritisiert und angegriffen – sein Heinrich-Heine-Denkmal in Frankfurt am Main wurde vom Sockel gerissen, das Berliner Rathenau-Standbild musste weichen. Gleichzeitig ging er Kompromisse ein und nahm Auszeichnungen entgegen, was ihm Nazigegner zweifellos übel nahmen. Ohne den heroischen Übermenschen-Typus zu übernehmen, schuf er Büsten für prominente Personen, darunter Generalissimus Franco, sowie Standbilder für Kriegsdenkmäler und Kasernen – auch auf dem Berliner Olympiagelände war er mit zwei Skulpturen vertreten.

Bis am 17. Januar 2010. Eremitage, Dvorzowaja nab. 34., Tel. 710-90-79. Eintritt: 100-350 Rubel.
Bilder: www.hermitagemuseum.org

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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