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3-lingua Hip-Hop: „Probleme herausschreien und sich von ihnen befreien“

Von   /  4. April 2011  /  Keine Kommentare

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Von Arina Popowa

Das Projekt „3-lingua Hip-Hop“ vereinte in Veliki Nowgorod und Petersburg französische Hip-Hop-Tänzer, deutsche Musiker aus dieser Stilrichtung und den Zirkus „Upsala“. Auf der Bühne des Nowgoroder Theaters „Maly“ trafen sich zum ersten Mal Vertreter der europäischen Hip-Hop-Kultur: die Organisation „Gangway“ aus Deutschland und die französische Tanztruppe «S’Poart». Das Projekt „3-lingua Hip-Hop“ ist ein Kind des Petersburger Goethe-Instituts und wurde durch den französisch-deutschen Fonds unterstützt.


Das bekannte Gruppe S’Poart aus La-Roche-sur-Yon unter der Leitung des Choreographen Mickael Le Mer ist nicht zum ersten Mal in Russland. Dem Nowgoroder Publikum stellten sie Teile aus ihrer sensationellen Nummer „In vivo“ und dem Tanz-Duett „Du und ich“ vor. Unter Hip-Hop versteht Le Mer „eine Plattform des freien Ausdruck und Treffpunkt für verschiedene Kunstarten und Kulturen“. Er verbindet Hip-Hop mit Bühnenkunst und Zirkus.

Der Saal lärmte vor Begeisterung als die jungen Tänzer in der Gestalt von Charlie Chaplin auftraten und mit Regenschirmen zur Musik des Musical-Hits aus den Fünfzigerjahren „I’m singing in the rain“ improvisierten. Sämtliche Tänzer stammen ursprünglich aus Problemfamilien – mittlerweile sind sie zu einem professionellen Ensemble zusammengewachsen und sind bereits um die halbe Welt getourt, um an zahlreichen Festivals aufzutreten.

Selbstdisziplin und Verantwortungsbewusstsein dank Musik

Die Mitglieder der sechsköpfigen Berliner Hip-Hop-Gruppe, die zusammen mit dem Hip-Hop-Star „Pyrania“ auftraten, kommen ursprünglich ebenfalls aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Ihre Formation „Gangway“ wurde in den Neunzigerjahren als Sozialprojekt gegründet – mittlerweile sind die Interpreten aber bereits im Erwachsenenalter zwischen 19 und 21 Jahren. 2007 hat die Gruppe, die sich sich aus mehreren Musik-Formationen zusammensetzt, ihr eigenes Label gegründet.

„Dank der Musik erreichen wir ganz elementare Dinge wie Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein bei den Jugendlichen“, erklärt Anja Kekenmeister, alias „Pyranja“, die bereits seit vielen Jahren Mädchen in der Gruppe „Gangway“ betreut und Seminare veranstaltet. „Mein Seminar beginnt am Donnerstag um 14 Uhr – ich schaue auf die Uhr, und wenn sich jemand verspätet, rufe ich ihn an. Es geht um ganz einfache Dinge. Wir versuchen ihnen eine Perspektive zu geben. Alle, die heute auf der Bühne stehen, führen ein sehr schwieriges Leben und hatten Probleme in der Kindheit. Manche von ihnen haben keine Eltern und wurden straffällig.“

„Im Hip-Hop bin ich echt“

In jedem Stadtteil Berlins gibt es eine Filiale von „Gangway“, wohin sich Jugendliche wenden können, die verwirrt sind und nicht wissen, wohin sie sollen. Zu Mustafa aus der Formation „ICMB“ kam vor sechs Jahren ein Vertreter von „Gangway“ und sagte, dass sie Leute suchen, um ein Album aufzunehmen. Der junge Mann steht dazu, dass er in der Vergangenheit eine Waffe trug und mehrmals straffällig wurde. „Ich sagte natürlich zu, denn ich hatte keine Möglichkeit eine Ausbildung zu absolvieren und wollte diese Chance nutzen“, erzählt der 21-jährige Mustafa. „Die Musik hinderte mich daran, Dummheiten zu machen, wurde zu dem, was wertvoll für mich ist. Unsere Ängste schreiben wir auf – um in der Wirklichkeit keine falschen Schritte zu machen.“

Mit der Musik fand er neue Freunde. Wie er eingesteht, hat er dank Hip-Hop gelernt, Meinungsverschiedenheiten nicht zu persönlichen Konflikten werden zu lassen. „Im Hip-Hop bin ich echt, schreibe darüber, was ich lebe. Im Leben tun die Leute manchmal nur so, als ob sie zuhörten – hier kommt die Musik zu Hilfe und hilft mir, meine Meinung zu übermitteln. Zum Beispiel schreibe ich über politische Themen, analysiere, versuche meine Gedanken in den Text einzubringen. Ich teile dem Publikum meine Meinung mit und frage es nach seiner. Vielleicht stimmt sie mit meiner überein, vielleicht auch nicht.“

„Woher kam die Berliner Mauer?“

„Es ist leicht, anders zu denken, aber schwierig, anders zu handeln. Die Menschen bringen sich um wegen farbiger Papierchen. Mit der Kraft des Willens und der Vernunft schauen wir in die Zukunft. Du fällst viel schneller als Du Dich wieder aufrappelst“, singen die Rapper Mustafa, Aimen und Serdar aus der Gruppe „ICMB“. Und das Mädchenduett «Josh & Jacky» stellt die Fragen: „Warum ist die Banane krumm? Warum waren die Deutschen gegen die Juden, und woher kam die Berliner Mauer?“

Dem zwanzigjährige Serdar gab der Hip-Hop wie er selber sagt die Kraft, um sich von kriminellen Vorhaben abzulenken. „Ich habe mich von einer Last auf meinen Schultern befreit“, sagt das Mitglied des „ICBM“. „Du kannst frei atmen, deine Probleme mit dem Rap herausschreien und dich von ihnen befreien. Ausserdem hat mir das Projekt die Möglichkeit gegeben, zu reisen und zu vergleichen. Wir fanden immer, Berlin sei eine schlechte Stadt – aber jetzt weiss ich, dass Berlin Klasse ist.“ 2008 erschien das erste Album Gangway Beatz Berlin – Meine Stadt, Mein Leben, Meine Worte“. Im September 2010 kam das zweite Album „Gangway Beatz Berlin Vol.2“ heraus, an dem 60 Jugendliche aus allen Teilen Berlins teilgenommen haben. Die Texte schreiben sie selbst – „gerappt“ werden sie mit Hilfe von Musikern aus London, New York und Berlin.

Starke weibliche Texte

„Für uns ist nicht wichtig, wieviele Discs wir verkaufen“, erklärt Anja. „Ich bin Musikerin und habe damit schon in den Neunzigerjahren begonnen. Für mich ist wichtig, die Jungen für den Rap zu interessieren. Sie waren alle im Studio und haben ihre Lieder aufgenommen. Es gibt nicht nur Gangster-Rap mit negativen Texten. Wir versuchen, uns mit Themen, wie Gewalt, Freiheit und Toleranz zu beschäftigen. Es geht um ihr Leben auf der Strasse, die Drogen, darum dass sie keine Eltern haben, kein Geld und keine Perspektiven. Die Mädchen beschäftigen sich mit Fragen der Hautfarbe, den Problemen, akzeptiert zu werden, über die Zukunftsängste junger Frauen – sie schreiben wirklich starke weibliche Texte.“

Die Jugendlichen werden in der „Gangway“ absichtlich vor einfache, aber strenge Bedingungen gestellt. Vor zwei Jahren besuchten sie die New Yorker Bronx, die Heimat des Hip-Hop. Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Reise war zuvor der Besuch eines einjährigen Seminars ohne Absenzen – wer nicht kommen konnte, musste sich frühzeitig abmelden. Während anderthalb Jahren arbeiteten die Jugendlichen im Studio, schrieben Lieder und lernten, Performances zu machen. „Es geht nicht darum, ob es gut gelingt oder nicht, sondern darum, etwas zu wollen und es zu erreichen“, meint Anja. „Wenn sie etwas wollen und es auch tun, so haben sie schon eine Auszeichnung verdient. So war es mit der Reise nach New York – und jetzt nach Russland“.

Bild: PD/Natacha Maraud

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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