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25 Jahre Galerie „Borey“ – Geburtshelferin der jungen und „anderen“ Kunst

Von   /  31. Dezember 2016  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Seit einem Vierteljahrhundert hilft die Galerie im Peterburger Untergrund der „anderen“ Petersburger Kunst auf die Beine – AvantgardistInnen, AnfängerInnen, Jungtalenten, Outsidern. Tatjana Ponomarenko ist die Seele des kleinen Kunstbetriebs, der nicht nicht nur alle zwei Wochen mindestens eine neue Ausstellung zeigt, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt der alternativen Kunstszene ist.

Kopf einziehen, Bauch einziehen – wer die Treppenstufen in die Galerie am Liteyny Prospekt 58 hinuntersteigt, muss sich rasch an die niedrige Decke, engen Durchgänge und schlauchartigen Gänge gewöhnen, sonst stösst er sich bald irgendwo schmerzhaft an. Anstossen ist wohl das richtige Wort – seit 25 Jahren gibt diese Galerie jungen und ungewöhnlichen KünstlerInnen und ihren Projekten den nötigen Kick um vorwärts zu kommen. Egal welches Format – in einem der Räume findet sich immer ein Platz, um jedes Talent zur Entfaltung zu bringen.

Zum Inventar gehören ausser den Ausstellungsräumen der Galerie, die Minigalerie „13×18“ und die permanente Ausstellungsfläche der frechen „Parasiten“-Künstlergruppe. Wer durch das weiss gestrichene Labyrinth streift, stösst ausserdem früher oder später auf eine kleine Buchhandlung, eine Videothek mit Vorführraum, sowie einen Art-Shop.

Im gemütlichen Halbdunkel der Kunstkatakomben

Am einen Ende befindet sich das geistige Zentrum – die Cafeteria. Hier waltet Tatjana Schapowalowa – aus der einfachen Küche serviert sie herrliche Kotletty, oder sie bedient die wundersame Kaffee-Maschine der Galerie – ein mechanisches Kunstwerk des Erfinders und Design-Rad-Bauers Ewgeni Pinigin. Nach einem rhytmischen Geräusch prasseln die Kaffeebohnen durch eine transparentes Plastik-Röhrensystem in die Mühle und unter buntem Blinken mahlt und presst die Maschine den staunenden Gästen ihren Kaffee. Im gemütlichen Halbdunkel der Kunstkatakomben wird gespeist, getrunken, gelesen, geschrieben oder laut debattiert.

Am anderen Ende des „Schlauchs“ hat die Leiterin der Galerie Tatjana Ponomarenko ihren Platz, von dem sie die Bewegungen in den Gängen der Galerie überschaut. Daneben erzählt sie ein wenig aus dem bewegten Vierteljahrhundert ihrer Galeriearbeit. Wie hat das alles 1991 angefangen? Tatjana denkt einen Moment nach und meint dann. „Wir hatten sehr grosse Erwartungen und Illusionen, was die Qualitätssteigerung anbetrifft als wir vor 25 Jahren begannen.“ Und dann etwas resigniert: „Aber mit der Zeit fängt man an, die Menschheit nicht mehr zu lieben, vor allem, was die Gattung der Künstler anbelangt.“ Schweigen.

Kunstwerke werden in Zahlung genommen

„Aber immerhin beginnt man, seine Mission zu begreifen“, fährt sie nach der Pause fort.  Anfangs sei „Borey“ eine städtische Galerie „mit Aufklärungsfunktion“ gewesen und sei in dieser Rolle relativ einzigartig gewesen, weil es in der ganzen Stadt nur eine handvoll Galerien gegeben habe. Heute hingegen sei die Konkurrenz gross, der vorhandene Raum und das Budget klar begrenzt. Ausserdem stiegen die laufenden Kosten jedes Quartal um 5-7 Prozent, was den finanziellen Spielraum zunehmend einenge, so Ponomarenko.

Im Gegensatz zu früher realisiert die Galerie mehr gemeinsame Projekt mit der staatlichen Kulturbehörde. „Früher mochte man uns nicht besonders, darum kam nicht die ersten Jahre nichts zustande“, so die Galeristin. Ausserdem hat man damit begonnen, Mietkosten in Form von Kunstwerken anzunehmen . „Aber leider ist längst nicht alles, was wir von den Künstlern bekommen, etwas Wert“, sagt sie mit einem Seufzen und einem Lächeln.

Zweiwochen-Ausstellungsrhythmus

Das Leben in der Galerie, die nach dem frischen sibirischen Wind „Borey“ benannt ist, wird vom Zweiwochen-Rhythmus bestimmt, in dem hier Ausstellungen gezeigt werden. Aber ausser der Tatsache, dass Ausstellungen wechselten, wussten die jungen Galeristen kaum etwas von ihrem Gewerbe. „Damals war ja noch kaum jemand jenseits des Grabens gewesen“, meint sie lächelnd. Darum musste man sich das Wissen über Ausstellungskonzepte und Kunsthandel Schritt für Schritt „learning by doing“ aneignen.

Von dieser improvisierten Art hat die Galerie vieles beibehalten – zum Beispiel, dass sie bis heute ohne KunsthistorikerIn auskommt. Das hat den Vorteil, dass der Betrieb „demokratisch“ geblieben ist und Machtkämpfe vermieden werden. „Die Gefahr ist sehr gross, dass neue Leute sofort beginnen, ihre Karriere aufzubauen und alle Positionen mit „ihren“ Künstlern besetzen“, erklärt Ponomarenko.

„Humus der Kunstszene“

Auch bezüglich Profil hat die Galerie ihre Rolle als „Geburtshelferin“ für junge Künstler und Entdeckerin unbekannter Outsider bis heute weitergeführt. „Wir sind das Kulturhaus der Stadt!“ Sagt Ponomarenko und lacht. „Nein wirklich, wir sind der Humus der Kunstszene, weil wir ganz unten an der Basis arbeiten. Guggenheim ist am Ende der Kette und schöpft nur „das Beste“ ab. Wir nehmen alle, das Publikum entscheidet.“

Natürlich gibt es einen Entscheidungs- und Auswahlprozess. Tatjana mag nicht alleine entscheiden, sondern bespricht die eingereichten Arbeiten mit ihrer Assistentin. „Manche Künstler brauchen uns“, meint sie nachdenklich. „Manche können warten – und manche passen ganz einfach nicht in die Galerie.“ Tatsächlich gibt es Künstlerinnen und Künstler, die dank Borey entdeckt wurden. Ein Beispiel ist Oleg Chwastow, der einfach nur malen wollte und mit einem Heft voller ausgemalter Quadrate in die Galerie kam, wo seine Karriere begann. Heute gehört er Künstlervereinigung „Freie Kultur“ und sein Name ist  bekannt in der russischen Kunstszene.

Undankbare Rolle

„So edel diese Rolle an der Basis auch sein mag – manchmal ist sie auch sehr undankbar“, gibt die Galeristin zu bedenken. „Wir bauen die Künstler auf, und sobald sie einen Namen haben, machen sie das Geld – aber anderswo.“ Manchmal komme es zu komischen Szenen, beispielsweise, wenn sie nach den Preisen frage und der Künstler antworte: „Bei der Galerie XY kostet das Bild 4000 Euro, aber hier werde ich ein bisschen günstiger verkaufen.“

Das Verhältnis zu den kommerziellen Galerien ist bisweilen gespannt, weil diese mit den Künstlern Exklusivrechte vereinbaren und ihren festen Käuferkreis haben. „Für viele kommerzielle Galerien sind wir ein Störfaktor, weil wir dasselbe leisten wie sie, aber mit viel weniger Geld“, kommentiert sie die Situation.

„Wir brauchen keinen Pomp“

Wie sie die Zukunft sieht? Wieder lacht sie breit. „Wir können so weitermachen – alles ist in Bewegung, es ist ein Kampf.  Aber das Ausstellungskonzept ist bewährt, und im Gegensatz etwa zur „Puschkinskaja-10“ oder zur „Mitki -Galerie“ sind wir eine echte Galerie mit festen Öffnungszeiten“. Beim Team möchte sie nichts verändern – „Es sind die Menschen, mit denen ich hier begonnen. Ich möchte sie nicht missen, denn es sind meine Freunde und Kollegen. Unsere Arbeit ist ehrlich, wenn auch nicht gut bezahlt. Aber wir leben auch vom Idealismus – wir brauchen keinen Pomp.“

Aber trotz allem will man bei „Borey“ in Zukunft allerhand verändern: Man möchte Sponsoren finden und das Archiv aufrüsten, um auch am Erfolg teilhaben, den die Galerie sich in den Jahren erarbeitet hat. „Wir möchten uns mehr mit Kunst als sozialer Prozess und als integrierender Faktor der Gesellschaft beschäftigen“, beschreibt Ponomarenko ihre Vision.

Galerie Borey, Liteiny Prospekt 58, Tel. 275-38-37, Dienstag bis Samstag von 12.00 bis 20.00 geöffnet, Eintritt frei.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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