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Schriftstellerin Milena Moser besucht Petersburg

Von   /  26. November 2008  /  Keine Kommentare

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Vom 1. bis 6. Dezember besucht die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser (geb. 1963) St. Petersburg und hält an verschiedenen Orten in der Stadt Lesungen mit anschliessender Diskussion ab. Bis auf eine Veranstaltung werden alle Lesungen mit Milena Moser auf Deutsch abgehalten – Eintritt frei.

Mit ihrer „Putzfraueninsel“ brachte Milena Moser 1991 die ganze Schweiz zum Schmunzeln – sogar die deutschsprachigen Nachbarländer schenkten Ihr ein Lächeln. Das, obschon der erfrischende Roman in „Züri“ spielt, der provinziellsten Weltstadt Europas: Die Putzfrau Irma erhält während ihrer Arbeit Einblick in das Privatleben Ihrer Kunden, darunter  Frau Schwarz, die in Ihrem Leben bisher nur Erfolg kannte: als Mutter, Anwältin und Politikerin.

Doch hinter der Fassade einer sozial engagierten Superfrau verbirgt sich eine menschenverachtende Karrieristin, die Ihre Familie tyrannisiert und Ihre Schwiegermutter in einem Kellerloch hält, um Geld zu sparen. Irma rettet die Gefangene und gemeinsam führen sie einen Rachefeldzug und vernichten dabei nicht nur Ansehen und Karriere der von Frau Schwarz, sondern das gesamte falsche Familienidyll.

Schweizer Frauen zwischen Putze und Politik

Kaum jemand hat vor Milena Moser die Schweizer Hochkonjunktur-Gesellschaft so treffend und mit soviel Biss und Witz beschrieben. Besonders faszinierend ist Ihr unverkrampftes Bild der modernen Schweizer Frau zwischen Putze und Politikerin. Nach hunderjährigem zähem Kampf hatten es die Frauen in den Achtzigerjahren geschafft, zumindest auf dem Papier den Männern gleichgestellt zu werden und vereinzelt in die bisherigen Macht-Domänen der Männer vorzustossen. Aber noch immer hatten sie sich dafür an die Spielregeln der Männergesellschaft von Geld, Macht und Einfluss zu halten.

Auf den Affront folgt der Aufbruch

Ein Beispiel dafür ist der Werdegang von Elisabeth Kopp, die 1984 zur ersten Schweizer Bundesrätin gewählt wurde und nur fünf Jahr später wegen einem Steuerhinterziehungsskandal ihres Mannes zum Rücktritt gezwungen wurde. Der Abgang von Kopp, die sich trotz bürgerlicher Herkunft für die Gleichstellung der Frauen eingesetzt hatte, wurde von vielen Schweizerinnen als Affront empfunden, und sie machten mobil.

1991 wurde zum ersten Frauenstreiktag aufgerufen, und zwei Jahre später wurde nach einem turbulenten und unschweizerisch-emotionalen Wahlkampf erneut eine Frau zur Bundesrätin gewählt – Ruth Dreyfuss. In diesem Klima des Aufbruchs erschienen Milena Mosers erste Romane und Erzählungen und wurden begeistert aufgenommen: Gebrochene Herzen oder Mein erster bis elfter Mord (1990), Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Blondinenträume (1994), usw.

Das Beziehungskarussell schlingert, dreht verkehrt herum

Milena Moser als feministisch-politische Autorin zu bezeichnen wäre wohl falsch. Ihre Geschichten stammen aus dem Chaos des (eigenen) Lebens, und die Roman-Heldinnen kommen selten ohne Männer aus, mit denen sie ihre eigene Unvollkommenheit teilen. Unter den Opfern in Mosers finsteren Mordgeschichten befinden sich mindestens ebenso viele Frauen wie Männer. Kinder – oft frühreif und von pubertärer Identitätskrise geplagt – spielen eine Schlüsselrolle im alltäglichen Ringen der Erwachsenen.

Mit königlichem Vergnügen demontiert Moser das Idyll der Schweizer Mustergesellschaft. Armut, Homosexualität und soziale Kälte kommen zur Sprache. In Romanen, wie „Mein Vater und andere Betrüger“ erweist sich der Hort der Familie als Epizentrum eines emotionalen Dauerbebens. Es wird übers Kreuz geliebt, geschieden und betrogen – das Beziehungskarussell schlingert, dreht verkehrt herum.

Authenzität belegt die Nähe zum eigenen Leben

Die Authenzität vieler Texte belegt, wie nahe die Bücher am Leben der Autorin liegen. Eben darum ist ihr Werdegang alles andere als gradlinig, sondern von Pausen, Seitensprüngen und Experimenten geprägt. Mit dem Zeitungsroman „Das Leben der Matrosen“ (1999) hielt Moser der Redaktion des Zürcher „Tagesanzeigers“ den Spiegel vor, und im „Faxenbuch“ (1996) lieferte sie sich mit ihrer Kollegin Angela Praesent ein verspieltes Schreibduell auf Endlospapier.

Angeregt durch Armisteads Maupin Stadtgeschichten, entschloss sie sich 1998, mit ihrer Familie nach San Francisco auszuwandern. Mit ihrem Mann, dem Fotografen Thomas Kern, fühlte sie dem amerikanischen Freiheitstraum auf den Zahn und entdeckte von oben bis unten die Gesellschaft „Friscos“. In diesen acht Jahren entstand das Reiseführer-Lesebuch „Flowers in your hair. Wie man in San Francisco glücklich wird“ sowie die Yoga-Bücher „Sofa, Yoga, Mord (2003), Schlampen-Yoga oder Wo geht’s hier zur Erleuchtung? (2005). Zurückgekehrt aus den USA, eröffnete Milena Moser zusammen mit Sibylle Berg und Anne Wieser eine Schreibschule.

Bild: Nina Süsstrunk

Lesungen:

Treffpunkt im Vestibül der Philologischen Fakultät
an der Staatlichen Universität SPB, Universitetskaja Nab. 11.
MO 1. Dezember 10.30: Treffen mit Studenten                    AUF DEUTSCH

Deutsch-russisches Begegnungszentrum an der Petrikirche
Newski-Pr. 22-24.
MO 1. Dezember 19.00: Lesung und Gespräch
DI    2. Dezember 18.00: Lesung und Gespräch                     AUF DEUTSCH

Новый выставочный зал государственного музея
городской скульптуры, Невский пр. 179/2a.
Среда 3 декабря 16.00: Встреча с петербургскими        НЕМЕЦКИЙ И РУССКИЙ
авторами – чтения и дискуссия                                            С ПЕРЕВОДОМ

Neuer Ausstellungssaal des städtischen Skulpturenmuseums
Newski Pr. 179/2a.
MI 3. Dezember 16.00: Treffen mit Petersburger                    DEUTSCH UND RUSSISCH
Autoren – Lesungen und Gespräche                                        MIT ÜBERSETZUNG

Deutscher Sprachclub „Peterhofer Dialoge“, Anton-Rubinstein-
Musikschule Nr. 17, Novi Petergof, St. Petergovski Prospekt 4.
SA 6. Dezember 16.00: Lesung und Gespräch                       AUF DEUTSCH

EINTRITT FREI – ВХОД СВОБОДНИЙ

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Milena Moser machte Petersburg zur “Putzfrauen-Insel”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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