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Petersbürgerin Gabriele Kötschau: „Russland ist mein viertes Leben“



Von   /  28. April 2015  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb



Die gebürtige Berlinerin Gabriele Kötschau leitet seit vier Jahren die
Niederlassung der Hamburger Handelskammer in St. Petersburg. Nach ihrer
 Tätigkeit als Rechtsanwältin, Politikerin und Generaldirektorin des Sekretariats des Ostseerats vertritt sie heute die Hansestadt Hamburg in Russland – gerade jetzt keine 
leichte Aufgabe. Doch trotz aller Schwierigkeiten stehen ihr in Petersburg alle 
Türen offen.



Von ihrem Büro im „Petrowskij Fort“ hat man einen tollen Ausblick – „Von hier aus
 haben wir die Kleine Newa unter Kontrolle“, meint sie lachend und nimmt Platz in
der Polstergruppe. Sie hat ganz recht mit ihrer Bemerkung – mit ihrer Vertretung
besitzt die Hansestadt Hamburg tatsächlich eine Aussichtsplattform und auch eine
ganz besondere Position in St. Petersburg. Schon 1957 – also noch im tiefsten 
kalten Krieg – wurde die Partnerschaft zwischen den beiden Hafenstädten im Norden
abgeschlossen, die älteste Partnerschaft Petersburgs (damals noch „Leningrad“) mit einem nichtsozialistischen Land. Gabriele Kötschau begann hier 2011 ihr „viertes
Leben“, wie sie selber sagt.

Probleme mit Exportverbot von „Dual-Use“-Produkten

Womit beginnt das Gespräch? Logischerweise mit der Ukrainekrise und deren
 Auswirkungen auf die Ost-West-Beziehungen – ein Thema, das gerade omnipräsent ist und auch bei Gabriele Kötschau zu einem besorgten Gesichtsausdruck führt. Die 
Sanktionen und das um mehr als zwanzig Prozent zurückgegangene deutsch-russische 
Handelsvolumen fordern sie als Wirtschaftsvertreterin tagtäglich heraus. Am 
meisten machten den deutschen Unternehmen das Exportverbot von „Dual-Use“-Produkten nach Russland zu schaffen, aber auch die Finanzsanktionen, erklärt sie.

Kürzlich sei sie vom Vertreter eines Unternehmens, das Sandstrahlarbeiten in Russland ausführt und den Sand aus einem „sanktionierten“ Land importiere, um Rat gebeten worden. „Sandstrahlen kann man Brücken, aber eben auch Kriegsschiffe. Je nach Deklaration und Sichtweise der zuständigen Beamten kann der Verwendungszweck ein und desselben Geräts oder Produkts völlig unterschiedlich beurteilt werden“, schildert Kötschau das Problem. Die BAFA (Bundesanstalt für Ausfuhrkontrolle) muss in Zweifelsfällen eine Ausfuhrgenehmigung erteilen, was aufgrund der zahlreichen Anfragen zwischen sechs und 24 Monaten dauert. „Die Unternehmen sind verunsichert, was sie überhaupt noch nach Russland exportieren dürfen.“

Druckversuche von amerikanischer Seite

Gleichzeitig wird auch spürbar, dass sich Europa zwischen den Fronten der
 USA und Russland befindet. „Es gibt konkrete Fälle, in denen amerikanische 
Firmen Aufträge erhalten, die zuvor an ein deutsches oder ein anderes europäisches Land Unternehmen gegangen waren.“ Am schlimmsten, meint Kötschau, sei der der gegenseitige Vertrauensverlust, der zu einer starken Verunsicherung bei den Investoren geführt habe. Ein latentes Misstrauen Russland gegenüber habe es früher schon gegeben – zum Beispiel sei Russland während des Baus der Gaspipeline „Nordstream“ der versuchten Spionage bezichtigt worden, weil Gazprom vor der Insel Gotland eine Zwischenstation einzubauen beabsichtigte. Diese war jedoch allen interessierten Akteuren in dem Raum zur Mitbenutzung angeboten worden. „Diese gegenseitige Abwehrhaltung ist sehr negativ für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit“, meint Kötschau.

Aber trotz allem harren die deutschen Unternehmen laut ihrer Aussage in Russland
 aus und hoffen auf eine Entspannung der Lage. Wegen der Krise sei es zwar an 
einigen Orten zu Kurzarbeit und vereinzelt sogar zu Entlassungen gekommen, aber niemand wolle die Zusammenarbeit mit den russischen Partnern aufgeben. „Wenn jetzt bald eine Lösung gefunden wird, dann wird sich die Lage wieder normalisieren. Wenn die Sanktionen noch länger in Kraft bleiben, sucht sich Russland andere Partner in China, Indien und Lateinamerika“, lautet ihre Prognose. Was die Autarkie-Bestrebungen der russischen Wirtschaft anbelangt, gibt sich Kötschau allerdings skeptisch: „Man 
hat 20 Jahre lang eine Umstrukturierung in Russland verschlafen; die notwendige Diversifizierung fand nicht statt. Es rächt sich jetzt, dass man sich nur auf den Export von Rohstoffen verlassen hat.“

„Werde nicht schlechter behandelt als früher“

Doch trotz der gespannten politischen Atmosphäre kann sich die 
Wirtschaftsvertreterin nicht beklagen – „Ich werde nicht schlechter behandelt
 als früher – uns stehen hier in Petersburg alle Türen offen.“ Bei
 Schwierigkeiten helfen jene Kontakte, die sie bereits in den Jahren davor knüpfen konnte. „Diejenigen, die sich in der Ost-Politik engagieren, kennen einander.“ Als
 SPD-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Landtag von Schleswig-Holstein und während ihrer Zeit als Leiterin des Sekretariats des Ostseerates in Stockholm arbeitete sie mit vielen Persönlichkeiten aus der deutschen Ostpolitik zusammen, darunter Egon Bahr und
  Matthias Platzeck.

Auch auf der osteuropäischen, darunter der russischen Seite sind langjährige Kontakte und Freundschaften entstanden, auf die sie heute noch zurückgreifen kann. „Es ist wertvoll, mit Menschen, zu denen man Vertrauen aufgebaut hat, auch in schwierigen Zeiten offen sprechen zu können“, meint Kötschau. „Wir müssen wieder lernen, einander zuzuhören und Argumente offen auszutauschen“.

 Den Ostseerat hält sie noch heute für ein sehr wertvolles Gremium – erstens weil
 sich dort die EU und alle Ostseeanrainerstaaten, darunter auch Russland, auf gleicher Ebene begegnen; zweitens wegen der dort herrschenden Konsenspolitik. „Auf der Ostsee sind heute gleichzeitig etwa 2500 Schiffe unterwegs, darunter voll beladene Öltanker. Deshalb  müssen gewisse Sicherheitsfragen miteinander besprochen und Lösungen für einen Katastrophenfall auf der Ostsee gemeinsam geübt werden“, erklärt Kötschau.

Wertvolle Auslandserfahrung

Verbindungen und Freundschaften, die sich gerade in Krisenzeiten als unbezahlbar
erweisen, sollen auch für die Zukunft geschaffen und vertieft werden. Darum engagiert sich die Hamburger Handelskammer neben ihrer wirtschaftlichen Vermittlungstätigkeit auch für Austausch- und Bildungsprogramme mit Russland. In dem seit 1993 bestehenden Praktikantenprogramm, einem Weiterbildungsprogramm der Handelskammer und des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, konnten bisher rund 1200 junge Berufstätige aus Russland in Hamburg ein fachliches Praktikum in einem Unternehmen absolvieren. Die Hamburger Handelskammer finanziert
 und organisiert darüber hinaus Deutsch-Kurse mit dem Schwerpunkt Rechts- und Wirtschaftsterminologie und die Suche nach adäquaten Praktikantenstellen. Sehr positive Beispiele gab es laut Kötschau z. B. im Versicherungs- und Reisebereich, wo junge Russinnen ihre deutsche Auslandserfahrung sofort in Russland umsetzen oder eine Kooperation zwischen ihren Unternehmen in St. Petersburg und in Hamburg eingehen konnten. Um die Berührung mit der jeweils anderen Kultur zu verstärken und die Sprachpraxis zu fördern, werden die jungen Leute in Gastfamilien untergebracht.

Das zweite „Steckenpferd“ der Hamburger Handelskammer ist der Studiengang „Internationales Wirtschaftsrecht“, den sie mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschs (DAAD) an der Staatlichen Universität St. Petersburg für angehende Juristen und Ökonomen anbietet. „Wer in Russland Jura bereits auf Master-Ebene studiert, bekommt darüber hinaus die Möglichkeit, an der Hamburger Uni ein Anschlußsemester zu studieren und so den deutschen Master-Abschluss zu erlangen“, erwähnt Kötschau. „Auch in diesem Bereich gibt es bereits sehr erfreuliche Beispiele 
junger Absolventen – sie alle werden zu Botschaftern für die Handelskammer und
 für Hamburg und zu Brücken zwischen unseren Ländern“, meint Kötschau nicht ohne Stolz.

Dossier

eva.- Dr. Gabriele Kötschau wuchs in Berlin auf und studierte an der FU und an
der Universität Kiel Rechtswissenschaften und Russistik. 1977 bis 1988 war sie 
als Rechtsanwältin in Flensburg tätig, und 1982 erhielt sie den Doktortitel der
Rechtswissenschaften. 1988 bis 2005 war sie SPD-Abgeordnete und Vizepräsidentin im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel. Danach war sie als 
Generaldirektorin des Sekretariats des Ostseerates in Stockholm tätig. Seit 2011
leitet sie die Vertretung der Handelskammer Hamburg in St. Petersburg. Parallel
dazu hat sie einen Lehrauftrag in Kaliningrad und engagierte sich als Wahlbeobachterin in Osteuropa und Zentralasien und als Mitglied verschiedener Berufsverbände und gesellschaftspolitischer Organisationen. 2006 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in St. Petersburg, ist aber regelmäßig zu Beratungen Hamburger Unternehmen in Hamburg präsent.

 Die Handelskammer Hamburg eröffnete ihre Vertretung in St. Petersburg 1993 und
 betreut deutsche Unternehmen in Nord-West Russland. Hierzu gehören u. a. St. Petersburg, das Leningrader Gebiet und die Gebiete Archangelsk, Murmansk, Nowgorod, Pskow, Wologda und die Republiken Karelien und Komi. Diese Region  entspricht der 4,5-fachen Größe Deutschlands und hat rund 14 Millionen Einwohner. Fast die Hälfte von ihnen lebt in St. Petersburg und Umgebung.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Das mit dem Dual Use kennen wir schon. Und das ploetzlich Waren die aufgrund von US Interventionen nicht mehr in Deutschland verkauft werden dürfen dann direkt aus den USA geliefert werden können leider auch.
    Das gabs baugleich schon in den 88,89er, Östereich lieferte aus den USA was Deutschland verwehrt war.

    Die Deutsche Beamte beim BAFA in Eschborn haben nix gelernt, deren politischen Vorgesetzte auch nicht. Es sind leider immer noch mehr als willige Helfershelfer um denen zu Schaden die über Steuern auch deren Gehalt finanzieren. Ordnung muss sein. Mal sehen wie die reagieren wenn, wie in Griechenland mal kurz die Appanage gekürzt wird oder ganz ausfällt….

    ….

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