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„VaterlandsverteidigerInnen“ oder: zwei Feiertage voller Unbehagen

Von   /  22. Februar 2009  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der russische Kalender ist reich gespickt mit Feiertagen – nur schon wegen der Weihnachts-Neujahrs- und Weltkriegs-Siegesfeiern ist das öffentliche Leben jeweils während der ersten Januar- und Maihälfte lahmgelegt (während man sich im zweiten jeweils vom Kater erholt).

Die Gedenktage bilden ein buntes Gemisch aus sowjetischen, kirchlichen, heidnischen, staatlich verordneten, übernommenen, umgetauften oder verschobenen Feiern. Und obschon der Anlass der Feste oft recht zweifelhaft ist, lassen sich die Russen dadurch die Freude am Feiern nicht nehmen – ganz anders als im Ausland, wo viele die Festtage damit verbringen, darüber zu diskutieren, warum man sie eigentlich nicht feiern sollte.

Dem gefeierten Männervolkist nicht wohl bei der Sache

Eines der seltsamsten russischen Exemplare ist der 23. Februar, zu Sowjetzeiten „Tag der Roten Armee“, der zum „Tag des Vaterlandsverteidigers“, bzw. zum „Männertag“ mutiert ist. Denn, obschon in der russischen Armee während des Zweiten Weltkriegs Tausende von Frauen an vorderster Front mitgekämpft haben, ist die Botschaft der Feiertagsplakate mit blumengeschmückten  Soldaten eindeutig maskulin.

Dem gefeierten Männervolk hingegen oft nicht ganz wohl bei der Sache. Die korrumpierte russische Armee, ein unheimlicher Staat im Staat, fordert jährlich Hunderte Toter und Invalider durch Unfälle oder brutale Misshandlungen und geniesst darum einen katastrophalen Ruf.

Die Frauen entdecken ihre Kämpfernatur

Und trotzdem trinkt und feiert man am 23. gerne – insbesondere die Frauen, die dabei nicht nur auf ihre „Beschützer“ anstossen, sondern mit steigendem Alkoholpegel ihre eigene Kämpfernatur entdecken. Jene, die ihre Schul- und Studentenzeit noch zu Sowjetzeiten durchlebten, geben ihre verrücktesten Geschichten aus den damals üblichen frühmilitärischen Kursen zum Besten.

Wie sie die Kalaschnikow blind zusammensetzen mussten, wie man sie mit aufgesetzter Gasmaske herumhetzte und sie mit dem Maschinengewehr an der Zielscheibe vorbei feuerten – genau jenes Repertoire also, mit dem das Männervolk in anderen Ländern gewöhnlich die Frauen langweilt. Die Russen hingegen schweigen – buchstäblich entwaffnet – angesichts der Begeisterung der „VaterlandsverteidigerInnen“.

Der Männer süsse Rache am 8. März

Still denkt Mann dann an die süsse Rache am nahen 8. März, dem Tag der Frauen und ihres Unbehagens. Dieser Feiertag ist für die Russinnen ebenso selbstverständlich wie das Recht auf Ausbildung und Karrierre (,die sie neben Haushalt und Kindern erledigen dürfen).

Längst haben sie ihre Vorkämpferinnen vergessen haben – Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, who is who? Mittels riesiger Blumensträusse und Pralineschachteln würde Mann sie dann zum Erröten bringen. Stammelnd würden sie dann zu erklären versuchen, warum sie keine dieser „westlichen Emanzen“ seien, und Mann würde sich still und heimlich die Macht zurückerobern.

Frauen in Uniform – in Russland schon seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit.                        (Foto: Eugen von Arb/SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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