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Alle an die Mai-Demo – vom Establishment bis hin zur Opposition

Von   /  1. Mai 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die diesjährige Maifeier bedeutete für alle etwas anderes: Für die einen war es Routine, für die anderen Pflicht und für einen Teil war es die Möglichkeit, einmal legal und unbeheligt von der Polizei über den Newski zu marschieren (siehe Fotogalerie unten). Leider ging es auch diesmal nicht ohne Verhaftungen ab – die Polizei spricht von 15 Festgenommenen.
Als Überbleibsel der Sowjetperiode ist die Demonstration zum 1. Mai heute für die meisten passiv begangen wird. Von den einstigen rot gefärbten Massenaufmärschen, die einst über den Newski marschierten, ist heute ein Bruchteil übriggeblieben. Immerhin konnte sich dieses Jahr nicht bloss die politische Nomenklatura zeigen – auch für alle anderen politischen Gruppen stand die Strasse offen, wenn sie auch ganz hinten marschieren mussten.

Eine weitere Neuheit war auch, dass sich das Stadtoberhaupt, Gouverneur Georgi Poltawtschenko, entsprechend seinem Chef Präsident Medwedew in Moskau unter das Volk mischte und mit der Blaskappelle voranging. Früher waren die Gouverneure lediglich am 9. Mai mit an die Parade gegangen. Mit dabei waren der Parlamentssprecher Wjatscheslaw Makarow und sein Vorgänger Vadim Tulpanow.

Riesige blauweisse Welle – “Einiges Russland”

Demtentsprechend war die erste Welle neutral im Schwarzweiss der Anzüge und Krawatten der Mitglieder der Stadtregierung gehalten, und danach wurde es sehr, sehr blauweiss, die Farben der Regierungspartei “Einiges Russland” und ihrer Jugendorganisation “Junge Garde”.

Diese Farbkombination hielt ziemlich lange an, denn ein Stadtbezirk nach dem anderen zeigte sich – und diese sind bekanntlich mehrheitlich von derselben Partei regiert. Das selbe gilt auch auch für die staatstreuen Gewerkschaften – die Metallarbeiter, die Metroangestellten, und sogar die “Kulturarbeiter”.

Sogar die Nationalbolschewisten waren mit von der Partie

Erst nach und nach wurde es blaugelb – die Liberaldemokraten – und leuchtend gelb – der Pulk von “Gerechtes Russland” – und nachher tiefrot. Die Kommunisten wurden angeführt von einem Bannerträger, der in der anderen Hand einen Karton mit der vielsagenden Aufschrift “Nato hau ab!” trug. Danach kamen die üblicheren Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit.

Rot waren auch eigentlich verbotenen Nationalbolschewisten, die allerdings statt Hammer und Sichel auf weiss-rotem Hintergrund eine Handgranate hingemalt hatten. Die Handgranate, im russischen Slang “Limonka” (Zitrone) genannt ist eine Anspielung auf ihren Leader Eduard Limonow. Sie skandierten bereits regierungskritische Slogans, wie “Russland ohne Putin!”

Marsch gegen den Alkoholismus

Dazwischen traten Organisationen auf den Plan, von denen normalerweise nicht viel zu hören ist – die Bewegung für ein nüchternes Russland” oder die “Radfahrer”, die “Grünen” und die betrogenen Wohnungskäufer. Ein bisher völlig unbekannte Bewegung war die jene für “ein Recht auf Waffen”, die gegen das restriktive Waffengesetz in Russland protestierte.

Ein Block der regierungskritischen Parteien und Bewegungen “Jabloko”, “Anderes Russland” usw. forderte Gouverneurswahlen ohne “Filter” durch den Kreml. Unter den Flaggen waren auch Regenbogenfarben der Homosexuellenbewegung (LGBT) auszumachen, und in diesem Fall verstand die Polizei keinen Spass. Sie nahm im Verlauf des Aufmarsches eine Reihe von Aktivisten aufgrund des Gesetzes “gegen Homosexuallen-Propaganda” fest.

Eine Piratenpartei auch in Russland

Danach schlug es ins nationalistische Gelbschwarz und Schwarz, die “Slawische Gemeinde”, die “Slawische Kraft” mit obligatem Megaphon-Aufpeitscher schritten voran und riefen “Russland den Russen!” usw. Neben Fahnen mit Hakenkreuz-ähnlichen Emblemen wurden auch zahlreiche Stalin-Porträts mitgetragen. Schliessen bewiesen Totenschädelfahnen, dass es in Petersburg nun auch eine Piratenpartei gibt. Nach ihnen wurden die Strassen wieder für den Verkehr freigegeben.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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