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05.02.2012
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Kommentar: Russlands Autoindustrie wählt chinesischen Weg

rian.- Jedes dritte Auto in Russland wird von Auslandskonzernen montiert. Das teilte Russlands Regierungschef Wladimir Putin auf der Sitzung über Standortverteilung der Produktion von Autos und Autoteilen am Dienstag in St. Petersburg mit. Die ausländischen Autohersteller haben zwar bereits vier Milliarden US-Dollar in die Schaffung der Montagewerke investiert, die russischen Behörden rufen sie jedoch auf, die Wertschöpfungskette und Werke zur Herstellung von Auoteilen in Russland zu eröffnen.

Das große Interesse der russischen Behörden an der Autoindustrie ist einfach zu erlären: Heute ist das einer sich der am schnellsten entwickelnden Sektoren der russischen Realwirtschaft. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres ist die Autoproduktion um 60 Prozent aufs Jahr gerechnet gestiegen.

Dieses Ergebnis hängt anscheinend mit dem niedrigen Niveau der eigenen Produktion und dem Programm zur Staatsförderung der Autoindustrie zusammen. Doch diese positive Dynamik wäre ohne die aktive Tätigkeit der ausländischen Unternehmen kaum zu erwarten, die die Montageproduktion in Russland entwickelt haben.

Zwölf Auslandskonzerne haben die Produktion in Russland entweder bereits aufgenommen oder haben entsprechende Abkommen unterzeichnet. Die russischen Behörden wollten zwar diesen Prozess beschleunigen, doch sie wissen noch nicht genau wie.

Auf der Sitzung in St. Petersburg betonte Putin, dass Russland gewisse Hebel zur Verlegung der Produktion nach Russland habe, weil es kein WTO-Mitglied sei. Es handelt sich anscheinend um die Einfuhrzölle. Putin verkündete bereits Ende August, dass die Einfuhrzölle für Autos erneut erhöht werden. Auf solche Weise werden die Auslandskonzerne dazu bewegt, die Produktion in Russland intensiver zu entwickeln.

„Russland wird die Zölle zuerst für Gebraucht- und später für Neuwagen allmählich erhöhen“, sagte Putin. „Russland ist doch kein WTO-Mitglied. Deswegen kann es sich das erlauben“, betonte der russische Regierungschef. Später verkündeten die Medien unter Berufung auf die Vertreter der Ministerien, dass es keinen konkreten Zeitplan für Erhöhung der Zölle gebe.

Alexej Rachmanow, Chef der Abteilung für Autoindustrie des russischen Industrie- und Handelsministeriums, sagte auf der Moskauer Automesse Ende August, dass die Zölle auf dem jetzigen Niveau bleiben würden. Das Industrie- und Handelsministerium betonte mehrmals, dass es die Bedingungen für die industrielle Montage verschärfen wolle, wobei die Auslandskonzerne die Produktion von Autoteilen vor Ort auf 60 Prozent statt den jetzigen 30 Prozent steigern müssen. Dennoch wurde bei der Sitzung in St. Petersburg verkündet, dass die Bedingungen für die Auslandskonzerne unverändert bleiben werden.

Es liegt auf der Hand, dass Russland die Erfahrung des Fernen Ostens aufmerksam betrachtet. Japan, Südkorea und später China hatten einst das Interesse der Auslandskonzerne an ihren Vertriebsmärkten und Arbeitskräften vorteilhaft ausgenutzt. Dazu brauchte man jedoch einen starken politischen Willen. Anfang der 70er Jahre haben die südkoreanischen Behörden 200-prozentige Einfuhrzölle auf Fahrzeuge eingeführt. Zudem wurde den Auslandskonzernen vorgeschlagen, bei der Montage die Herstellung von Autoteilen vor Ort auf 90 Prozent zu erhöhen und die Herstellung von Zubehörteilen zu entwickeln.

China hatte beispielsweise die Schaffung von Gemeinschaftsunternehmen auf paritätischer Grundlage als Bedingung für die Öffnung des chinesischen Markts für Auslandskonzerne gestellt. Dabei mussten in China Konstruktionsbüros eingerichtet werden. Darüber hinaus bekamen die chinesischen Banken die Kontrolle über die Finanzströme der Gemeinschaftsunternehmen. Später begann China, die populären Modelle unverschämt zu kopieren. Als Antwort auf die Proteste der westlichen Unternehmen wurde gedroht, die Unzufriedenen vom chinesischen Markt zu vertreiben.

Die Handlungen der russischen Behörden kann man eher als halbherzige Maßnahmen bezeichnen. Die jetzigen 30-prozentigen Zölle ermöglichen, ausländische Gebraucht- und Neuwagen vom russischen Markt zu entfernen. Seit der Einführung der Sperrzölle ging der Import der Gebrauchtwagen um 80 Prozent zurück. Die Herstellung der in Russland montierten ausländischen Automarken stieg hingegen an.

Laut der vom Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers durchgefürten Untersuchung des Automarkts, ging in den ersten sechs Monaten dieses Jahres die Einfuhr von Neuwagen um 23 Prozent zurück, die Einfuhr von Gebrauchtwagen um 25 Prozent. Die Verkäufe der in Russland montierten ausländischen Automarken sei in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 32 Prozent gestiegen.

Die russischen Behörden haben erreicht, was sie wollten. Nach den Plänen der russischen Beamten müssen bis 2012 80 Prozent der in Russland verkauften Autos in Russland hergestellt werden. Große Hoffnungen werden dabei auf Auslandskonzerne gelegt. Doch viele ausländische Geschäftspartner beeilen sich nicht, in Russland zu investieren. Dies wird damit begründet, dass der Verkaufsumfang bislang nicht so hoch ist, um die Verlegung der Produktion nach Russland rentabel zu gestalten.

Zudem gibt es in Russland noch keine Wertschöpfungsketten, von denen die russischen Behörden gerade träumen. Es handelt sich in den meisten Fällen um die „Schraubenziehermontage“, wobei die Modelle gespritzt werden. Nur Volkswagen, Renault und Hyundai haben bereits den vollständigen Produktionszyklus in Russland etabliert oder werden dies Anfang des nächsten Jahres tun.

Die Erfahrung Chinas zeigt, dass der politische Wille die Auslandskonzerne dazu zwingen kann, strategisch zu denken und selbst unter den Bedingungen eines „engen“ Markts aussichtsreiche Werke zu eröffnen. Der russische Markt ist zwar nicht so groß wie der chinesische, er ist jedoch ebenfalls sehr aussichtsreich. Derzeit bleibt Russland nach der Zahl der Autos pro Einwohner um das Mehrfache hinter Europa und den USA zurück. Eine andere Frage besteht darin, dass die Dynamik der chinesischen Wirtschaft keine Zweifel daran lässt, dass der niedrige Automobilisierungsgrad später eine zahlungsfähige Nachfrage auslösen wird. Doch die russische Wirtschaft lässt daran Zweifel aufkommen.

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