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Jagd nach dem weissen Fleisch – Russland im Pilzrausch

Von   /  21. September 2008  /  5 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Ein brauner und ein blauer Farbpunkte im Dickicht des karelischen Waldes nähern sich einander schnell an, dann ein Schrei: Aaa-Uuuuuhh! Meine Frau Tatiana im blauen Anorak hält triumphierend einen grossen Steinpilz in der Hand. Alle andern aus der Gruppe haben den Jagdruf verstanden und eilen herbei. Sie betrachten das schöne Exemplar mit bewundernden Blicken – es ist als hätte Tatiana einen Zwölfender mit Blattschuss erlegt. Aus dem harmlosen Spaziergang auf der Datscha unserer Bekannten wurde eine Grosswildjagd im Kleinformat.

Geraten Russinnen und Russen in Waldnähe packt sie der Jagdeifer, und sie beginnen, mit Adlerblick und mit Tasche oder Korb in den zitternden Händen die Büsche zu durchstreifen. Weder Mücken- noch Bremsenstiche lenken sie dabei ab, und vermutlich würden sie auch an einem Grizzly-Bär völlig achtlos vorübergehen – ganz einfach, weil er nicht wie ein Pilz aussieht.

Vom “Asard” getrieben

Diesen Trance-Zustand, nennen man “Asard” –  ein Begriff aus der Welt des Glückspiels. Tatsächlich ist ein Pilzfund für Russen ein Glücksereignis, das nie unerwähnt bleibt – selbst, wenn es sich um ein ungeniessbares Exemplar handelt. Ebenso ist ein Jahr ohne Pilzsuche ein Unglücksjahr. Würde man einem Russen während der Pilzssaison zwei Wochen kostenlosen Badeurlaub anbieten, dürfte man sich nicht über eine umgehende Absage wundern – Man kann doch die schönen Pilze nicht stehen lassen! – etwa so würde seine Begründung lauten!

Selbst in kalt-nassen Jahren wie diesem, in dem der allgemeine Tenor lautet, es gäbe überhaupt keine Pilze, warten Familien glückstrahlend mit Kübeln und Plastiktüten voller Schwämme an den Bahnstationen der Datschenvororte und warten auf den Rücktransport aus dem Paradies in die Stadt. Sowohl Jagdinstinkt, wie auch Wissen über die Pilzwelt scheinen die Russen zu vererben, denn schon Kinder machen sich ohne jede Scheu auf die Suche und unterscheiden ohne Zaudern Delikatess-Pilze von ihren essbaren, ungeniessbaren und giftigen Brüdern. Sie wissen sofort, was am besten gebraten, eingemacht, getrocknet, roh gegessen oder eben stehen gelassen wird.

Star unter den Pilzen: der Steinpilz

pilze_p8167496Besonders beliebt ist auch in Russland der Steinpilz, der “Beli Grib” (“Weisser Pilz”) genannt wird. Wegen seines hohen Eiweiss-Gehalts wird er auch “Wald-Fleisch” genannt. Der Steinpilz ist leicht verdaulich, und wird wegen seines feinen Aromas auch gerne pulverisiert für Fleischgerichte verwendet. Auf russischen Märkten werden leicht 700 Rubel pro Kilo (20 Euro) verlangt. Die Jagd nach dem Star-Pilz liessen ihn während der letzten Jahre immer seltener werden.

Fragt man Russen jedoch nach einer Pilzkontrolle oder einer Mengenbeschränkung beim Pilzsammeln, erntet man Irrenwärterblicke – “Die Ausländer kennen die Pilze nur aus der Dose!” So wird man später ausgelacht. “Und weil sie solche Angst haben, sich zu vergiften, gibt es bei ihnen sogar Pilzkontrollen, verrückt!”

Verirrte Pilzsucher halten Katastrophenschutz in Atem

pilze_p8167512In Russland gibt es sogar einen Pilzfeiertag, der nach dem Bauernkalender am Tag des Heiligen Titus, dem Pilzsucher abgehalten wird. Im zentralrussischen Uljanowsk beschäftigt man sich an diesem Tag aber nicht nur mit Pilzen, sondern auch mit Umweltschutz, insbesondere mit der Bewahrung des Waldes als Lebensraum.

Doch der “Asard” der Pilzjagd kann auch zum lebensgefährlichen Abenteuer ausarten. Zum einen vergiften sich jedes Jahr zahlreiche Russen bei einem Pilzfestessen, wengleich ihre Zahl laut der Internetzeitung Fontanka.ru in den letzten Jahren stark abgenommen hat. Zum anderen verlieren eifrige Pilzsucher im dichten und endlosen Wald leicht ihre Gefährten und den Weg aus den Augen.

Billiger Rausch dank psychedelischer Pilze

pilze_p81674431Dem russischen Katastrophenschutz gelingt zwar in vielen Fällen, nach aufwändigen Suchaktionen die Rettung. So wurden zum Beispiel bei Nowgorod kürzlich zwei Pilzsucher von einer Insel geborgen, nachdem der Motor ihres Boots versagt hatte und sie drei Tage vom Festland abgeschnitten waren. Doch manchmal kommt die Hilfe manchmal auch zu spät. Im vergangenen Herbst wurde in den Wäldern bei Wyborg eine 78-jährige Frau und ein dreijähriger Junge nach drei Tagen gefunden – das Kind hatte die Entkräftung nicht überlebt.

Für Schlagzeilen sorgen auch immer wieder jene, die bei ihren Streifzügen weder von Eierschwämmen, noch von Steinpilzen träumen, sondern von einem billigen Trip dank psychoaktiver Pilze. Am Bahnhof von Swerdlowsk nahm die Polizei kürzlich einen Jugendlichen fest, dessen Taschen voller psychedelischer Pilz waren – ihr Kilopreis wird deutlich über dem von Steinpilzen liegen.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

5 Kommentare

  1. boletus edulis sagt:

    Hoi Markus
    Mit den Koordinaten und GPS funktioniert das nicht. Man muss am frühen Morgen, wenn die Nebel aufsteigen und die Gräser mit funkelnden Perlen benetzt sind, die Waldgeister bezirzen. Man nehme einen Schluck Grappa und sprühe ihn mit dem Mund in alle 4 Himmelsrichtungen. Das benebelt die Waldgeister und sie sind bereit dir den Pilzwunsch zu erfüllen. Doch wie komuniziert man mit ihnen? Man nehme einen Grashalm, bespuckt ihn auf der breiteren Seite und legt ihn in einen Teich. Er wird sich drehen und dort wo die Spitze hinzeigt, gibt es die schönsten Steinpilze. Wenn du am Samstag jemanden im Wald siehst, der dies praktiziert, dann bin ich das.
    Hoi Eugen
    Deinen Artikel finde ich sehr gut. Er weckt in mir den Wunsch mal in Russland auf die Pilzjagd zu gehen. Vielleicht lässt sich das mal richten.

    Pilzgruss an beide
    Peter (boletus.edulis)

  2. mm sagt:

    Da sag mal einer Jammern hilft nicht. Aufgrund meiner Klage bekamen wir doch glatt eine grosse Portion in Salz marinierte Pilze geschenkt. Dem edelen Spender hier nochmal ein grosses Dankeschön!

    – Peter – mit was muss ich Dich bestechen um and die Koordinaten der Stelle zu kommen :)

  3. boletus edulis sagt:

    Hoi Markus
    Die Saison ist noch nicht gelaufen, es gibt noch Steinpilze. Letzten Samstag immerhin 6 frische Steinpilze, dazu Maronen und Pfifferlinge. Einen neuen Schub erwarte ich für dieses Wochenende. Der Hauptschub war kurz, aber recht ergiebig.
    Dieses Jahr war ohnehin für mich und meine Partnerin recht erfolgreich. Schöpften wir doch aus der Natur einiges an Beeren, Kräuter, Wildsalate und -gemüse. So kamen wir immerhin auf ca. 3 kg Walderdbeeren, die wir mit wenig Zucker zu einer köstlichen Confertüre verarbeiteten.
    Pilzgruss
    Peter (boletus edulis)

  4. Markus sagt:

    Ja dieses Jahr war in unseren Pilzgegenden auch ein furchtbare Saison, waren immer zu spät oder zu früh dran. Die immer zuverlässigen Nachbarn entschuldigen sich – oh wir hatten Überschwemmungen. Keine Pilze sind zumindestens in unserer Familie fast genau so ein Thema wie übervolle Eimer. Diese Saison ist vermutlich gelaufen. Aufruf: Helft uns ! Wer kann uns welche abgeben ?? :-)

  5. Gina und Heidi sagt:

    Pravo Eugen, wir finden deinen Artikel klasse.
    Die vergifteten Pilzsammler Heidi und Regina

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